Farhiyo Iishaar Omar fears her daughter was attacked by lions. 
Photo: Ingrid Prestetun/NRC
Somalia

Sie fürchtet, dass ihre Tochter von Löwen gefressen wurde

Bewaffnete Männer stürmten das Haus. Zwei Onkel wurden vor den Augen der restlichen Familie erschossen. Farhiyo und ihre Familie flohen mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib trugen. Während der panischen Flucht verschwand ihre älteste Tochter.

Kadia war zum Zeitpunkt des Angriffs, im Jahr 2016, 13 Jahre alt. Sie rannte aus dem Haus, um den Angreifern zu entkommen. Seitdem hat die 33-jährige Farhiyo Iishaar Omar ihre Tochter nicht mehr gesehen.

Der Rest der Familie floh aus Kebri Dehar in der Region Ogaden ins benachbarte Somalia – ohne Kadia. Ihnen blieb keine Zeit, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken. Ihre Tiere wurden von den Angreifern verjagt. Den größten Teil ihrer Reise legten sie zu Fuß zurück und es dauerte drei Wochen, bis sie in der somalischen Region Puntland ankamen.

Farhiyo glaubt, dass Löwen sich ihre Tochter geholt haben

Farhiyo ist eine lebhafte Frau, die viel scherzt und lacht. Als sie uns erzählt, was an dem Tag geschah, an dem sie fliehen mussten, wird ihr Blick jedoch düster und abwesend. Man sieht ihr an, wie viel Schmerz ihr diese Erinnerung bereitet.

Farhiyo and her family fled from Kebri Dehar in the Ogaden region of Ethiopia to neighbouring Somalia. Photo: Ingrid Prestetun/NRC
Lesen Beschriftung Farhiyo und ihre Familie flohen aus Kebri Dehar in der äthiopischen Region Ogaden ins benachbarte Somalia. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Alles passierte so schnell, dass sie keine Zeit hatten, irgendetwas mitzunehmen. Viel schlimmer aber war, dass sie ihre Tochter Kadia nicht finden konnten, bevor sie fliehen mussten. Lange Zeit hofften sie, sie habe es auf eigene Faust geschafft, sich in Sicherheit zu bringen, aber je mehr Zeit verstrich, ohne dass sie von Kadia hörten, desto mehr schwand diese Hoffnung.

Farhiyo kontaktierte ihre Nachbarn und Freunde, die immer noch in der Region lebten, aber niemand hatte Kadia gesehen. Kurz nach dem Angriff sahen Nachbarn eine Leiche auf dem Boden liegen, aber sie hatten so große Angst vor den Angreifern, dass sie nicht nachsehen konnten, wer es war. Als sie ein paar Tage später zurückkehrten, war die Leiche verschwunden.

Farhiyo fürchtet, dass es sich um den toten Körper ihrer Tochter gehandelt habe – von den Angreifern getötet und später von den Löwen gefressen, die in der Gegend leben.

Flucht aus Äthiopien nach Somalia

Obwohl in Äthiopien in den letzten Jahren in vielen Bereichen positive Veränderungen erzielt wurden, die dazu führten, dass Premierminister Abiy Ahmed 2019 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, sind Teile des Landes nach wie vor von Gewalt und Vertreibung betroffen. Eine der am stärksten betroffenen Regionen ist Ogaden, wo auch Farhiyo und ihre Familie lebten. Die meisten Menschen in dieser Region sind ethnische Somalis.

Neueste Zahlen des Internal Displacement Monitoring Centre zeigen, dass allein im Jahr 2019 in Äthiopien über eine Million Menschen innerhalb des Landes vertrieben wurden. Dieser Trend setzt sich seit Jahren fort. Viele fliehen auch über die Grenze ins benachbarte Somalia. Obwohl das Land selbst über 2,6 Millionen Binnenvertriebene zu verzeichnen hat, hat Somalia auch Geflüchtete aus dem Jemen und Äthiopien aufgenommen.

Farhiyo and her family now live in a refugee camp outside Garowe, in Somalia. Photo: Ingrid Prestetun/NRC
Idp-camp outside Garowe, Puntland.
Photo: Ingrid Prestetun/NRC
Lesen Beschriftung Farhiyo und ihre Familie leben nun in einem Flüchtlingslager außerhalb von Garowe in Somalia. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Farhiyo, ihr Ehemann und ihre sechs Kinder sind derzeit in einem Flüchtlingslager außerhalb von Garowe untergebracht. Neben Flüchtlingen aus Äthiopien leben hier auch viele somalische Binnenvertriebene. Die meisten sind aufgrund der wiederkehrenden Dürre in Somalia geflohen, einige aber auch vor dem blutigen Konflikt, der im Süden des Landes stattfindet.

Großer humanitärer Bedarf

NRC Flüchtlingshilfe leistet den Menschen, die in dem Lager leben, Soforthilfe in Form von Bargeld, mit dem sie sich Lebensmittel und andere Dinge, die sie brauchen, selbst kaufen können. Die große Zahl neuer Binnenflüchtlinge in Somalia hat auch zu einem gestiegenen Bedarf an Soforthilfe geführt, die zur Verfügung stehenden Mittel wurden jedoch nicht in gleichem Maße erhöht.

Wie viele andere Geflüchtete und Binnenvertriebene hat Farhiyo Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. Farhiyos Mann ist krank und kann nicht arbeiten, was es für die Familie besonders schwer macht.

Sabrin, now 10, was seven years old when the family fled. She remembers how scared she was when it happened. Photo: Ingrid Prestetun/NRC
Lesen Beschriftung Die nun zehnjährige Sabrin war sieben Jahre alt, als die Familie fliehen musste. Sie erinnert sich, wie verängstigt sie war, als es geschah. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Die Jüngeren spielen scheinbar unbeschwert mit den anderen Kindern im Lager. Aber die zehnjährige Sabrin, die sieben Jahre alt war, als die Familie fliehen musste, erinnert sich nur zu gut daran, wie verängstigt sie war, als es geschah. Sie sagt, sie spüre, wie schwer der Verlust ihrer großen Schwester ihre Mutter belaste. Außerdem macht sie sich Sorgen, weil das provisorische Zelt, das die Familie sich im Lager errichtet hat, in schlechtem Zustand ist und während der Regenzeit nicht dicht halten könnte.

Im Lager mit einem Messer angegriffen

Farhiyo zeigt uns den tiefen Schnitt, den ihr 18 Monate alter Sohn am Yasin am Arm hat. Sie erzählt, dass ein Mann in ihre Hütte eingedrungen und sie mit einem Messer angegriffen habe, während sie ihren Sohn stillte. Er versuchte, sie in die Brust zu stechen. Es gelang ihr, sich zur Seite zu drehen, das Messer traf jedoch das Baby und es erlitt einen tiefen Schnitt am Arm.

Farhiyo shows the nasty cut that her 18-month-old son Yasin has on his arm. A man entered their hut recently and attacked her with a knife. Photo: Ingrid Prestetun/NRC
Lesen Beschriftung Farhiyo zeigt den tiefen Schnitt, den ihr 18 Monate alter Sohn am Arm hat. Ein Mann drang vor Kurzem in ihre Hütte ein und griff sie mit einem Messer an. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Sie ist nicht sicher, ob der Angreifer sie vergewaltigen oder die Familie bestehlen wollte. Als sie schrie, floh er.

Diese Erfahrung hat Farhiyo verunsichert und sie vermeidet es nun, nach Einbruch der Dunkelheit allein nach draußen zu gehen. Vergewaltigung und andere Formen von Übergriffen sind für Frauen in Flüchtlingslagern eine große Gefahr. Wenn sie nun abends auf die Toilette geht, bittet sie jemanden, sie zu begleiten.

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