A woman carrying a blue water can on her left shoulder. In the background we see the large, white tank where she collected the water.
Jemen

Sieben Jahre, sieben Schicksale

Der zerstörerische Krieg im Jemen geht diese Woche ins achte Jahr.

Zehntausende haben ihr Leben verloren, zwei Drittel der Bevölkerung sind zum Überleben von humanitärer Hilfe abhängig, und vier Millionen wurden vertrieben.

Der Anfang des Jahres 2022 war von einer dramatischen Eskalation des Konflikts geprägt. Allein im Januar gab es mehr zivile Opfer als im gesamten vorherigen Jahr. Fast jede Stunde wurde eine Person getötet oder verletzt.

Neben den täglichen Gefechten an der Frontlinie, Luftschlägen und grenzübergreifenden Angriffen wird der Konflikt auch auf wirtschaftlicher Ebene ausgefochten. Die verschiedenen Parteien versuchen, Rohstoffe, natürliche Ressourcen, Handelsströme, Steuern und Kraftstoffeinnahmen zu kontrollieren. Die Zivilbevölkerung ist davon unverhältnismäßig stark betroffen.

Infolgedessen fiel die jemenitische Währung Ende des Jahres im Süden auf ein nie da gewesenes Tief und löste damit einen Dominoeffekt auf das Leben der Menschen aus. Zusammen mit anderen Faktoren wie der Inflation und den steigenden Treibstoffpreisen bezahlen die Menschen in vielen Teilen des Landes nun erheblich mehr für Weizen, Propangas und Transportmittel. Die Menschen verdienen nicht mehr als vorher, haben aber für den täglichen Bedarf viel höhere Ausgaben.

 

Hier sind sieben Dinge, die sich für sieben Menschen in den letzten sieben Jahren verändert haben.

Diese Geschichte wurde ursprünglich am 22. März 2022 von Al Jazeera veröffentlicht.

 

Keine Zeit für die Schule

Fadhl Bakar, 13 years, is carrying firewood back to his tent. He dropped out of school when the battle erupted in his village in 2016. He fled to another village. He now spends most of his time supporting his family by doing daily work. 

Photo: Mahmoud Al-Filastini/ Norwegian Refugee Council
Lesen Beschriftung Foto: Mahmoud Al-Filastini/NRC

Fadhl Bakar, 13, trägt Feuerholz zu seinem Zelt. Er brach die Schule ab, als in seinem Dorf im Jahr 2016 ein Kampf ausbrach und ihn zwang, in ein anderes Dorf zu fliehen. Nun verbringt er den größten Teil seiner Zeit mit arbeiten, um seine Familie zu unterstützen.

 

Von Propan zu Feuerholz

Ghadah Salem, a mother of three, is cooking boiled potatoes that she sells thanks to firewood. She was using propane cylinders as an energy source before the war. But it is too expensive now." Propane cylinders have become something that only rich families can afford. The firewood used to be free, it's not anymore, but it's still cheaper than propane cylinders". 

Mahmoud Al-Filastini/ Norwegian Refugee Council
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Die dreifache Mutter Ghadam Salem kocht Kartoffeln und verkauft sie, um ein kleines Einkommen zu erzielen. Vor dem Krieg kochte sie mit Propangasflaschen. Das ist aber mittlerweile zu teuer. „Propangasflaschen sind mittlerweile etwas, das sich nur reiche Familien leisten können“, sagt Ghadam. „Feuerholz war früher umsonst, das ist es nun nicht mehr, aber es ist immer noch billiger als Gas.“

 

Wasser holen nach der Schule

Rahaf Saleh, an 11-year-old, has to help her family with daily tasks in the camp where she lives. Fetching water in displacement camps in Yemen often falls on women and children. Before or after school, she must carry heavy containers filled to the brim and bring them back home on her donkey. "Helping my family is my priority now."

Mahmoud Al-Filastini / Norwegian Refugee Council
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Rahaf Saleh, 11, muss ihrer Familie in dem Lager, in dem sie lebt, bei den täglichen Erledigungen helfen. Das Wasserholen ist in den Flüchtlingslagern im Jemen oft Aufgabe der Frauen und Kinder. Vor oder nach der Schule muss sie schwere, bis zum Rand gefüllte Kanister heben und auf ihrem Esel nach Hause bringen. „Meiner Familie zu helfen, ist jetzt das Wichtigste für mich“, sagt sie.

 

Der Benzin-Schwarzmarkt

Mohammed Qaid, 20-years old, sells fuel in Taiz city near a closed petrol station. Fuel shortages are common in Yemen and affect cars, hospital generators, and water pumps. Petrol on the black market can be sold for more than two times the official price. "Before the war, I was a student and didn't know anything about fuel. There was no black market. Now I sell fuel on the street. When stations are closed, people depend on the black market to refill their cars and motorcycles". 

Photo: Khalid Al-Banna / Norwegian Refugee Council
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Mohammed Qaid, 20, verkauft Benzin in der Nähe einer geschlossenen Tankstelle in Taiz Benzin. Kraftstoffmangel ist im Jemen an der Tagesordnung und betrifft Autos, Krankenhausgeneratoren und Wasserpumpen. Auf dem Schwarzmarkt kann man Benzin für mehr als das Doppelte des offiziellen Preises verkaufen. „Vor dem Krieg habe ich studiert und hatte keine Ahnung von Benzin“, sagt Mohammed. „Es gab keinen Schwarzmarkt. Jetzt verkaufe ich es auf der Straße. Wenn die Tankstellen geschlossen sind, müssen die Menschen auf den Schwarzmarkt zurückgreifen, um ihre Autos und Motorräder aufzutanken.“

 

Haus gegen Zelt

Ameen Abadel, 35-years-old, is a father of five. He built his house brick by brick. The house has three rooms, a toilet, a kitchen, and a yard. His family had to flee it when the frontlines moved nearby his village. The family now lives in a tent, unprotected from the rains, cold weather, winds, snakes, and other reptiles. "In the beginning, we thought this would be temporary. That we would get back to our house. But it seems we won't, as it doesn't seem the war will stop anytime soon". 

Mahmoud Al-Filastini/Norwegian Refugee Council
Lesen Beschriftung Foto: Mahmoud Al-Filastini/NRC

Ameen Abadel, 35, hat fünf Kinder. Er baute sein Haus Stein für Stein. Das Haus hat drei Zimmer, eine Toilette, eine Küche und einen Garten. Die Familie musste es jedoch zurücklassen, als die Frontlinie ihrem Dorf näher rückte. Die Familie lebt nun in einem Zelt, ungeschützt vor Regen, Kälte, Wind, Schlangen und anderen Reptilien. „Anfangs dachten wir, das wäre nur vorübergehend. Dass wir bald in unser Haus zurückkehren würden“, sagt Ameen. „Aber es sieht nicht danach aus. Es sieht nicht danach aus, als wäre der Krieg bald vorbei.“

 

Vom Lehrer zum Straßenhändler

Mustafa" (not his real name), 38-years-old, was a Yemeni teacher. He is now selling bananas in one of Taiz's markets. According to Save the Children, more than half of Yemen's teachers and education personnel have been forced to find second sources of income, as they have not received regular pay since 2016." Who could imagine that I would reach that point in my life? I left my school, and now I am selling bananas. I am in the worst situation, and I can do nothing. But maybe I'm luckier than other teachers who are still waiting for their salary to come?" 

Photo: Khalid Al-Banna / Norwegian Refugee Council
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Mustafa*, 38, war Lehrer. Nun verkauft er auf dem Markt in Taiz Bananen. Laut Save the Children sind mehr als die Hälfte der Lehrkräfte im Jemen dazu gezwungen, eine zweite Einkommensquelle zu finden, da sie seit 2016 nicht mehr bezahlt werden. „Wer hätte gedacht, dass ich in meinem Leben mal an diesen Punkt kommen würde?“, fragt Mustafa. „Ich habe meine Schule verlassen und verkaufe stattdessen Bananen. Ich bin in einer üblen Lage und ich kann nichts tun. Aber vielleicht habe ich noch mehr Glück als andere Lehrkräfte, die immer noch auf ihr Gehalt warten?“

 

Mechaniker mit 13

Ahmed (not his real name), a 13 years-old boy, goes to school every morning and works as a mechanic in the afternoon and during weekends with his father. The money he earns helps his father pay for his education. 

Photo: Khalid Al-Banna / Norwegian Refugee Council
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Ahmed* ist 13. Er geht jeden Morgen zur Schule. Nachmittags und am Wochenende arbeitet er mit seinem Vater als Mechaniker. Das Geld, das er verdient, hilft seinem Vater, seine Ausbildung zu finanzieren.

*Namen zum Schutz der Identität geändert.