Afghanistan

Wo Kälte und Armut Kinder töten

Wo Armut und Kälte Kinder töten

Der Winter hat gerade erst mit Schnee und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt eingesetzt, und wir erhalten bereits erste Berichte über Kinder, die erfroren sind. NRC Flüchtlingshilfe tut alles, um Leben zu retten.


AFGHANISTAN/Kabul: Wir sind aus einem der sichersten und wohlhabendsten Länder der Welt in eins der gefährlichsten Kriegsgebiete auf dem Planeten gereist. 

Die meisten Kinder, die hier sterben, werden jedoch nicht durch Kriegshandlungen getötet. Sie sterben aus Mangel an Nahrung, Medikamenten, warmer Kleidung und einem Dach über dem Kopf.

Wir treffen mehrere vertriebene Familien, die es kaum schaffen, ihre Kinder mit Nahrung, Kleidung und einer Unterkunft zu versorgen. Sie leben in Zelten oder einfachen Erdhütten ohne Fenster, Türen und Heizung. Wir hören Geschichten von Familien, deren Kinder entweder erfroren oder an Lungenentzündung oder anderen Krankheiten gestorben sind.

„Drinnen ist es sehr kalt. Ich dachte, es wäre vielleicht wärmer, wenn ich rausgehe und mich ein bisschen bewege.“

Raqia (11)

Foto: Azad Enayatullah

Foto: Azad Enayatullah

Foto: Azad Enayatullah

Wir treffen die elfjährige Raqia früh morgens nach einer klirrend kalten Nacht mit starkem Schneefall und Temperaturen von -16 Grad Celsius. Eine weiße Schneedecke hat sich über die Zelte von Hiwadwal gelegt – einer Zelt- und Hüttenstadt am Rande der Hauptstadt Kabul. Es ist nur eine von vielen solcher Siedlungen in Kabul. Jeder, der hier lebt, wurde durch den Konflikt in diesem kriegszerrütteten Land vertrieben. Manche sind erst vor Kurzem angekommen, während andere seit Jahren hier leben. Manche flüchteten ins benachbarte Pakistan, kehrten in ihre Heimat zurück und mussten dann erneut fliehen.

Raqias einzige Paar Schuhe sind Plastik-Sandalen.

Raqias einzige Paar Schuhe sind Plastik-Sandalen. Foto: Azad Enayatullah

Raqias einzige Paar Schuhe sind Plastik-Sandalen. Foto: Azad Enayatullah

Raqia steht vor der einfachen Behausung ihrer Familie, in eine Decke gewickelt. Darunter trägt sie dünne Sommerkleidung und an den Füßen lediglich ein Paar Plastiksandalen – ohne Socken.

„Dies sind die einzigen Kleidungsstücke und Schuhe, die ich habe“, sagt sie und zieht die Decke enger um sich.

Ihr bescheidenes Heim besteht aus Plastik, Planen, Teppichen und Lehm.

2 von 3 Kindern leiden unter Konflikten

„Wir haben einen einfachen Ofen, aber kein Brennmaterial. Wir verbrennen Pappe und Plastik, das wir im Sommer gesammelt haben, aber das reicht nicht, um es warmzuhalten. Wir feuern den Ofen normalerweise einmal am Tag an, aber wenn es so kalt ist wie jetzt, zünden wir ihn auch oft zweimal an.“

Sobald die Wärme des Ofens nachlässt, wird es eiskalt.

Ein einfacher Holzofen kostet 20 Euro und kann eine ganze Familie den Winter über warm halten.

„Nachts ist es sehr kalt und ich wache früh auf, weil ich so friere. Meine Füße sind wie Eis und manchmal habe ich kein Gefühl mehr in den Zehen“

Neun gezeichnete Kinder
Jeden Tag werden
Jeden Werden neun Kinder
Jeden Tag werden neun Kinder durch Kriegsgeschehen getötet oder verletzt

„Jetzt müssen wir nicht mehr frieren und haben es drinnen warm.“

Shawan (6)

„Jetzt müssen wir nicht mehr frieren und haben es drinnen warm.“

Wie wir helfen: Im selben Viertel treffen wir den sechsjährigen Shawan. Den vergangenen Winter verbrachte er ebenfalls in einer Unterkunft aus Plastik, Teppichen und Lehm. 2019 baute NRC Flüchtlingshilfe 154 neue Häuser und rüstete die Häuser von 330 weiteren binnenvertriebenen Familien in und um die Hauptstadt Kabul auf. Shawans Familie war eine davon.


“Es war sehr kalt, wir sind krank geworden und mein Bruder ist gestorben.”

Maliya (11)

“Es war sehr kalt, wir sind krank geworden und mein Bruder ist gestorben.”

AFGHANISTAN/Herat: Ein braun-goldenes Feld eine halbe Autostunde von der Großstadt Herat entfernt ist die neue Heimat von über 10.000 Familien. Sie sind vor der Dürre und dem Militärkonflikt geflohen. Die Siedlung wurde Shahrak e Sabz getauft, „die Grüne Stadt“, und ist eine von drei solcher Siedlungen am Rande der Provinzhauptstadt, in denen insgesamt 75.000 Menschen leben.

Hier treffen wir die elfjährige Maliya Musazai. Sie kann sich an den letzten Winter noch gut erinnern.

„Wir wohnten unter einer Plane. Es war sehr kalt. Wir wurden krank und mein Bruder starb. Wenn ich daran denke, werde ich sehr traurig und muss weinen. Ich habe furchtbare Angst, dass meiner kleinen Schwester jetzt dasselbe passiert.“
Maliya (11)

Ihr lebhaftes Gesicht verhärtet sich. Ihr Lächeln verschwindet und sie wirkt abwesend.

1.2 Millionen Binnenvertriebene leben in Zelten und informelle Siedlungen

Ihr Vater, Noorudin, hat aus Lehm und Stroh ein kleines Haus mit zwei Zimmern gebaut. Eine weiße Plane mit dem Logo des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR ist über die Mauern gespannt und dient einem Zimmer als Dach. Das zweite Zimmer hat kein Dach, nur Außenmauern. Es gibt Öffnungen für Türen und Fenster, die sich die Familie bisher aber nicht leisten konnte.

„Wir Kinder schlafen in dem Raum mit dem Dach. Unsere Mutter wickelt uns in Decken ein, wenn wir ins Bett gehen, aber es ist trotzdem sehr kalt und wir können kaum schlafen“, sagt Maliya.

Jeden Tag werden
Jeden Tag werden 1,200 Menschen
Jeden Tag werden 1,200 Menschen zur Flucht gezwungen
Zwei gezeichnete Kinder
Zwei gezeichnete Kinder
Über die Hälfte sind Kinder

Yamina Saghary, NRC.

Yamina Saghary, NRC. Foto: Azad Enayatullah

Yamina Saghary, NRC. Foto: Azad Enayatullah

Herzzerreißende Szenen

„Ich besuche das Lager fast jeden Tag. Es bricht mir das Herz, wenn ich diese Kinder barfuß durch Matsch und Schnee laufen sehe. Sie sind mangelernährt. Fünfjährige sehen aus, als wären sie erst drei Jahre alt“, sagt NRC Flüchtlingshilfe-Mitarbeiterin Yamina Saghary, 28. Sie ist für die Sicherheit der Kinder und ihrer Familien verantwortlich.

Jeden Tag trifft sie Familien, denen es an Lebensmitteln, Medikamenten und einem Dach über dem Kopf mangelt.

„Die meisten Familien ernähren sich nur von Brot. Wenn sie Geld von humanitären Hilfsorganisationen bekommen, kaufen sie meistens etwas Reis oder Kartoffeln. Letztes Jahr lebten die meisten in Zelten oder unter Planen. Jetzt haben sie sich einfache Häuser gebaut, aber sie haben keine Dächer, Fenster, Türen oder Heizungen.“

Es kommen bereits erste Nachrichten von erfrorenen Kindern herein. Die Kinder sterben oft an einer Kombination von Kälte, mangelnder Hygiene und fehlenden Medikamenten und medizinischer Versorgung.“

„Ich will nicht noch mehr Kinder verlieren.“

Noorudin Musazai (35)

Noorudin Musazai, 35, mit zwei seiner Söhne.

Noorudin Musazai, 35, mit zwei seiner Söhne. Foto: Azad Enayatullah/NRC

Noorudin Musazai, 35, mit zwei seiner Söhne. Foto: Azad Enayatullah/NRC

„Wir sind hier an den Stadtrand von Herat gekommen. Den letzten Winter haben wir in einem provisorischen Zelt verbracht. Später bekamen wir von NRC Flüchtlingshilfe ein besseres Zelt“, sagt Noorudin Musazai, 35.

Schaudernd erinnert er sich an den letzten Winter. „Es war hart und brutal. Die Kinder froren und wurden krank. Unser jüngster Sohn war nicht stark genug, um der Kälte zu widerstehen. Als ich endlich genug Geld für Medikamente hatte, war es zu spät. Unser Zelt fiel um und er starb in meinen Armen“, sagt er mit leiser, brüchiger Stimme.

Wir sitzen an der sonnengewärmten Wand des neuen Hauses. Die Kinder spielen um uns herum. Zwei der Jungen sind ihrem Vater auf den Schoss gekrabbelt. Sie sind ganz normale Kinder. Neugierige Augen, offene Gesichter und freundliches Lächeln.

„Ich hoffe, dass dieser Winter milder wird und dass wir bald Hilfe bekommen. Ich will nicht noch mehr Kinder verlieren“, sagt Noorudin und legt die Arme um seine beiden Jungen.

„Meine Schwester ist gestorben.“

Ahmed (14)

„Meine Schwester ist gestorben.“

Direkt neben Maliya lebt Ahmed Sayed, 14. Er hat aus dem vergangenen Winter eine ähnliche Geschichte zu erzählen:

“Ich lebte bei meiner Mutter und meinen Geschwistern. Mein Vater war weggegangen, um Geld zu verdienen. Als der Frühling kam, begann ich, ein einfaches Haus aus Lehm zu bauen, so wie viele andere hier im Lager.“

“Es war harte Arbeit, aber nach zwei Monaten war das Haus fertig. Ich hoffe, dass wir den Winter überstehen und dass alle überleben. Wir haben immer noch keinen Ofen und kein Heizmaterial – und der Winter hat schon angefangen. Ich mache mir Sorgen. Wir haben weder Schuhe noch warme Kleidung. Alles Geld, das wir zusammenkratzen können, geben wir für Lebensmittel aus.“

Gute Nachrichten

„Wir werden das Geld verwenden, um das Dach fertigzustellen und Türen und Fenster einzubauen.”

Noorudin Musazai

„Wir werden das Geld verwenden, um das Dach fertigzustellen und Türen und Fenster einzubauen.”

Wie wir helfen: Der nächste Tag bringt erfreuliche Neuigkeiten: Maliya und ihre Familie werden Hilfe bekommen. Sie stehen auf der Liste der 2.000 Familien, die von NRC Flüchtlingshilfe Unterstützung bei der Fertigstellung ihrer Häuser erhalten. Für Maliya bedeutet das, dass das Haus der Familie ein Dach, Fenster und Türen bekommt – und dass sie es wärmer haben werden.

„Wir werden das Geld verwenden, um das Dach fertigzustellen und Türen und Fenster einzubauen. Ich werde einen Holzofen kaufen, damit meine Familie es im Winter warm hat. Derzeit schlafen die Kinder in dem Teil des Hauses, das ein Dach hat, während mein ältester Sohn und ich im anderen Teil schlafen. Ich wickle sie so gut es geht in die Decken ein, die ich habe, aber die Kinder frieren nachts trotzdem, wenn die Temperaturen unter Null fallen. Ich werde alles tun, um sie über den Winter warmzuhalten. Ich will nicht noch mehr Kinder verlieren“, sagt Noorudin.

Viele gezeichnete Kinder
2.5 Millionen Kinder müssen Hunger leiden
Viele gezeichnete Kinder
3 von 10 haben keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung
2.5 Millionen Kinder leiden unter akuter Unterernährung
3 von 10 werden nicht ärztlich versorgt

AFGHANISTAN/Masar-i-Sharif: Eine halbe Autostunde außerhalb der Stadt Masar-i-Sharif treffen wir eine Gruppe von vier Brüdern und Schwestern: Kahyr, 12, Rahimullah, 7, Gul Soma, 10, und Mariam, 6.

Ihr Vater wurde vor zwei Jahren während des Konflikts getötet. Sie flohen aus ihrer Heimat im Kriegsgebiet mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Ihre Großmutter Ana, 67, trägt nun die Verantwortung für die Familie. Sie erklärt:

„Den ersten Winter verbrachten wir unter eine Plane und versuchten und durch Feuer warmzuhalten. Alles, was wir zu essen hatten, war ein bisschen Brot und Kartoffeln, die wir von freundlichen Nachbarn bekommen hatten“, sagt Ana.

Mit der Unterstützung von hilfsbereiten Nachbarn gelang es der Familie, ein Haus aus Lehm und Stroh zu bauen. Das Haus hat nur einen Raum, aber weder ein Dach noch Fenster und Türen, im Haus ist es also genauso kalt wie draußen.

„Wir haben Angst vor dem Winter“

Ana (67)

Enkel: Mariam (6), Gul Soma (10), Rahimullah (7) und Kahyr (12).

Enkel (von links): Mariam (6), Gul Soma (10), Rahimullah (7) und Kahyr (12). Foto: Azad Enayatullah/NRC

Enkel: Rahimullah (7). Foto: Azad Enayatullah/NRC

Wie wir helfen: „Die Familie hatte nicht das Geld, um das Haus fertigzustellen, und wir machten uns Sorgen, was aus den Kindern werden würde. Daher gaben wir der Familie 300 US-Dollar (ca. 270 Euro), damit sie ein Dach, Türen und Fenster einbauen konnten. Zusätzlich bekam die Familie 200 US-Dollar (ca. 180 Euro) für einen Holzofen“, sagt Fardin Hafizi, Leiter des NRC Flüchtlingshilfe-Unterkunftsprojekts in Masar-i-Sharif

Zwei hilfsbereite Nachbarn sind mit der Fertigstellung von Anas Haus beschäftigt. NRC Flüchtlingshilfe-Mitarbeiter Fardin Hafizi sieht den Arbeiten zu.

Zwei hilfsbereite Nachbarn sind mit der Fertigstellung von Anas Haus beschäftigt. NRC Flüchtlingshilfe-Mitarbeiter Fardin Hafizi sieht den Arbeiten zu. Foto: Azad Enayatullah/NRC

Zwei hilfsbereite Nachbarn sind mit der Fertigstellung von Anas Haus beschäftigt. NRC Flüchtlingshilfe-Mitarbeiter Fardin Hafizi sieht den Arbeiten zu. Foto: Azad Enayatullah/NRC

Während unseres Aufenthalts arbeiten zwei hilfsbereite Nachbarn bereits an der Fertigstellung des neuen Hauses. Fardin Hafizi überwacht die Arbeiten und achtet darauf, dass die neuen Fenster eingebaut werden. Das Einzige, was noch fehlt, ist die Eingangstür.

„Wir haben sehr unter der Kälte gelitten“

Ewaz (45)

Von links: Salima, 6, Ewaz (Vater) und Samira, 5.

Von links: Salima, 6, Ewaz (Vater) und Samira, 5. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Von links: Salima, 6, Ewaz (Vater) und Samira, 5. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

AFGHANISTAN/Masar-i-Sharif: Ewaz, seine Frau und ihre sechs Töchter haben sich zusammen mit 570 weiteren Familien auf einem kargen Feld fünf Kilometer nördlich von Masar-i-Sharif niedergelassen.

„Wir sind vor dem Krieg geflohen und vor etwa einem Jahr hierhergekommen. Anfangs lebten wir in einem Zelt. Dann konnten wir dieses Grundstück kaufen. Den letzten Winter verbrachten wir in einer Lehmhütte in der Ecke des Grundstücks. Dort wurde auch unsere jüngste Tochter geboren. Die Kinder wurden krank und wir hatten kein Geld für Medikamente. Ich hatte Angst, dass meine Kinder sterben würden“, sagt der sechsfache Vater und drückt seine Töchter Salima und Samira, die auf seinen Schoss geklettert sind, fest an sich.

Salima und Samira und den anderen Kindern steckte die Kälte lange Zeit in ihren Knochen. Nun konnten sie dank NRC Flüchtlingshilfe endlich das Dach fertigstellen und in ihr kleines Einzimmerhaus eine Tür und ein Fenster einbauen.

Die Schwestern Salima, 6, und Samira, 5, können sich endlich an dem Ofen wärmen, auf den sie so lange gewartet haben.

Foto: Ingrid Prestetun.

Foto: Ingrid Prestetun.

Wie wir helfen: Wir treffen ihren Vater Ewaz, 45, bei einer von NRC Flüchtlingshilfe initiierten Bargeldausgabe für vertriebene Familien, die Unterstützung brauchen, um sich im Winter warmzuhalten. Jede Familie erhält 15.700 Afghani, was etwa 180 Euro entspricht. Der Winter bringt Schnee und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt mit sich und Menschen berichten bereits von Kindern, die erfroren sind.

„Mit dem Geld können die Menschen Decken, Kleidung, Öfen und Brennmaterial für den Winter kaufen, der hier im Norden Afghanistan sehr lang und hart sein kann.“

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