10 Jahre Krieg in Syrien

Mutter werden im Kriegsgebiet

Ein Kind zu bekommen ist ein unvergleichliches Gefühl: Euphorie, Spannung, bedingungslose Liebe. Aber es kann auch eine enorme Herausforderung sein. Joud erzählt, wie es für sie war, inmitten des Syrienkonflikts Mutter zu werden.

Joud stammt aus Harasta, Ostghuta. Sie erinnert sich gerne daran, wie ihre Heimatstadt vor dem Krieg aussah.

„Die Stadt war wunderschön und gepflegt. Es gab viele Grünflächen und gut besuchte Märkte. Die Anzahl von Menschen war perfekt; irgendwo zwischen überlaufen und ruhig. Überall konnte man etwas Schönes entdecken“, sagt sie.

„Nun liegt all das in Trümmern.“

Harasta war viele Jahre lang ein Kriegsgebiet. Fünf Jahre lang wurde die Stadt belagert. Obwohl in der Region nun wieder Frieden eingekehrt ist, ist ein großer Teil der Stadt immer noch weitgehend zerstört. Der Schmerz bei den Menschen sitzt tief – besonders für Joud, die als Teenager zur Flucht und zu einem Leben in Vertreibung gezwungen war.

„Diese Krise hat mein Leben verändert. Ich begegnete dadurch Menschen, denen ich besser nicht begegnet wäre. Das hat mein Leben verkompliziert. Wären wir nicht auf der Flucht gewesen, weit weg von zu Hause, dann hätten wir bessere Entscheidungen darüber getroffen, wen wir in unser Leben lassen und wen nicht.“

The school during the rehabilitation process – Harasta, Eastern Ghouta
Photo: Tareq Mnadili/NRC
Lesen Beschriftung Dieses Foto zeigt das Ausmaß der Zerstörung in Harasta. Foto: Tareq Mnadili/NRC Flüchtlingshilfe

Mutterrolle

 Joud heiratete Anfang 2014. Da war sie gerade einmal 17 Jahre alt.

„Ich wurde fast sofort schwanger und brachte Ende des Jahres meinen ersten Sohn zur Welt. Ich war sehr glücklich über mein erstes Kind. Dennoch war es eine große Verantwortung, mit 17 Jahren einen Ehemann und ein Kind zu haben.“

„Ich war glücklich, aber nicht so sehr, wie ich es mir vorgestellt hatte.“

Joud lebte weit weg von ihrer Heimat. Nach der neunten Klasse musste sie die Schule verlassen und flüchten und hatte nur eine Grundbildung. Angesichts des Chaos, das sich im Land ausbreitete, war ihre Zukunft ungewiss.

„Ohne die Krise hätte ich eine Hochzeit wie jedes andere Mädchen gehabt und mich besser auf mein erstes Baby vorbereiten können. Ich hätte meine Familie um mich gehabt, die mich bei meinen ersten Schritten als Mutter begleitet hätten“, sagt sie.

Wenig später bekam Joud ein zweites Kind. Von ihrem Mann ist sie mittlerweile getrennt und sie  ist alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern. Joud und ihre Familie sind nun wieder in Harasta, aber das Leben ist nicht weniger schwierig. Als sie in die Stadt zurückkehrten, fanden sie ihr Zuhause zerstört vor.

„Als wir unser Haus zum ersten Mal wiedersahen, wurden unsere Herzen schwer. Es war nicht nur unser Haus, das betroffen war, sondern auch der Laden meines Vaters, der sich in derselben Gegend befand. Als wir fortgingen, dachten wir, wir würden das Haus für ein paar Wochen verlassen und dann zurückkommen und alles so vorfinden, wie wir es zurückgelassen hatten. Aber wir waren sieben Jahre lang fort.“

Wir fragen Joud, welche Träume sie als junges Mädchen gehabt habe.

„Ich habe immer geglaubt, dass mich nichts aufhalten könne und dass meine Willenskraft mir den Weg weisen würde ...“

Joud beginnt zu weinen und kann ihren Satz nicht mehr zu Ende bringen.

A woman sitting in her working space where she keeps her sewing machine and fabrics.
Lesen Beschriftung Joud an ihrem Arbeitsplatz in Harasta. Foto: Tareq Mnadili/NRC Flüchtlingshilfe

Ein Ausweg aus der Not

Nach der Trennung von ihrem Mann litt Joud an Depressionen. Eines Abends rief eine besorgte Freundin an.

„Sie schlug mir vor, am Schulungsprogramm von NRC Flüchtlingshilfe teilzunehmen. Ich war so glücklich! Es war der perfekte Zeitpunkt. Ich brauchte dringend einen Ausweg aus der bitteren Notlage, in der ich steckte“, erinnert sich Joud.

Früh am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg zum Vorstellungsgespräch und wurde in unser Schneiderei-Ausbildungsprogramm aufgenommen.

„Es war so schön, dass einer meiner Träume nun wahr wurde. Schon als ich klein war, hatte mich die Nähmaschine immer brennend interessiert und ich wollte sie immer ausprobieren. Aber ich habe mich nie getraut, weil ich nicht wusste, wie es ging.“

Joud hat das Programm mittlerweile abgeschlossen. Wie all unsere Absolventinnen und Absolventen hat sie eine Ausrüstung für den Start in ihr neues Berufsleben bekommen.

„Als ich die Nähmaschine mit nach Hause brachte, kamen meine Kinder neugierig angelaufen. Sie folgten mir und wollten wissen:

‚Wem gehört diese Maschine?’

‚Das ist meine.’

‚Aber weißt du auch, wie man sie benutzt?’

‚Ja, das weiß ich. Ich habe es gelernt.’

„Immer wenn ich dahin gehe, wo ich die Maschine aufbewahre, rennen sie an mir vorbei, um vor mir da zu sein. Sie sind sehr gespannt zu sehen, was ich mache und wie ich die Maschine bediene.“

Woman working with her much-loved sewing machine.
Lesen Beschriftung Joud arbeitet an ihrer geliebten Nähmaschine. Foto: Tareq Mnadili/NRC Flüchtlingshilfe

Entschlossen, einen Wunsch wahr werden zu lassen

Joud stieß jedoch bei einigen Familienmitgliedern auf Widerstand, was ihre neue Berufstätigkeit betraf.

„Mein Bruder konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ich arbeiten wollte. Jetzt ist er aber einer derjenigen, die mich unterstützen. Er bietet mir an, Händler zu finden, mit denen ich zusammenarbeiten kann, und besorgt mir Stoffe.

Auch mein Vater unterstützt mich, wo er kann. Er hat gesagt, wenn ich wollte, dann würde er mir helfen, einen kleinen Laden zu eröffnen.“

Joud hat begonnen, eine traditionelle Technik namens Aghabani zu benutzen, die sie schon als Kind immer interessiert hat.

„Niemand hier kennt Aghabani, höchstens ein paar sehr alte Leute. Es war eine große Leistung für mich, dieses alte Handwerk zu erlernen. Etwas zu können, das sonst niemand kennt, gibt einem das Gefühl, einzigartig zu sein. Selbst meine Mutter will es jetzt lernen und bittet mich, es ihr beizubringen!“

A gallery of Aghabani pieces produced by the trainees at NRC youth vocational training.
Lesen Beschriftung Aghabani ist eine 150 Jahre alte syrische Handarbeitstechnik, die aus der Stadt Duma stammt. Mit einer Nähmaschine und etwas künstlerischem Talent kann man damit jedes Stück Stoff in ein Gemälde verwandeln, das die Schönheit des Alltags widerspiegelt. Jedes Design ist einzigartig und von der Landschaft und Pflanzenwelt der Region inspiriert, weshalb in den Mustern häufig Blätter- und Rankenmotive vorkommen. Es wird hauptsächlich für Tischdecken und bestimmte Kleidungsstücke verwendet. Dieses Foto zeigt eine Auswahl von Aghabani-Arbeiten, die von den Auszubildenden der NRC Flüchtlingshilfe-Berufsausbildung hergestellt wurden. Foto: Tareq Mnadili/NRC Flüchtlingshilfe

Da der Krieg andauert und das Land vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch steht, ist das Leben hier von Ungewissheit geprägt. Diese neue Fertigkeit zu erlernen hat Joud jedoch Hoffnung für die Zukunft ihrer Kinder geschenkt.

„Ich wünsche mir, dass meine Jungen bessere Zukunftsaussichten haben, als ich sie hatte, und ich werde alles dafür tun. Ich möchte sie fördern und ihnen eine gute Ausbildung ermöglichen, da dies ihre einzige Chance ist, erfolgreiche und aktive Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu werden.

Und jetzt, wo ich angefangen habe, mich selbst zu verwirklichen, habe auch ich wieder ein eigenes Leben!“

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NRC Flüchtlingshilfe ist eine der wenigen Hilfsorganisationen, die in ganz Syrien im Einsatz sind. Vor dem Hintergrund eines schweren Konflikts leisten wir Not-, Überbrückungs- und längerfristige Hilfe für Menschen in Not.