Sklaverei hautnah

Obwohl die Sklaverei vor langer Zeit abgeschafft wurde, gibt es weltweit noch immer mindestens 40,3 Millionen Sklaven. Bei seinem kürzlichen Besuch in einem Flüchtlingslager in Niger sprach Jose Garcia Barahona, Leiter des NRC Flüchtlingshilfe-Nothilfeteams, mit einem jungen Mann.

„Er erzählte mir, er sei ein Sklave gewesen“, sagt Barahona.

Wir verwenden ein Beispielbild, um „Davids“ Identität zu schützen. Das Foto stammt aus Brasilien und wurde im August 2019 aufgenommen. Der Mann auf dem Foto arbeitet auf einer Kaffeeplantage unter sklavenähnlichen Bedingungen. Foto: Adriano Machado/Reuters/NTB Scanpix

Wir verwenden ein Beispielbild, um „Davids“ Identität zu schützen. Das Foto stammt aus Brasilien und wurde im August 2019 aufgenommen. Der Mann auf dem Foto arbeitet auf einer Kaffeeplantage unter sklavenähnlichen Bedingungen. Foto: Adriano Machado/Reuters/NTB Scanpix

Rund 40 Kilometer von der nigerischen Hauptstadt Niamey entfernt befindet sich ein Flüchtlingslager. Als Jose Garcia Barahona, Leiter des NRC Flüchtlingshilfe-Nothilfeteams, das Lager vor ein paar Wochen besuchte, machte er es wie immer: Er ging herum und sprach mit den Leuten.

Jose Barahona ist Nothilfedirektor bei NRC Flüchtlingshilfe. Seine Begegnung mit David hat bei ihm einen starken Eindruck hinterlassen. Foto: Privat

Jose Barahona ist Nothilfedirektor bei NRC Flüchtlingshilfe. Seine Begegnung mit David hat bei ihm einen starken Eindruck hinterlassen. Foto: Privat

NRC Flüchtlingshilfe ist seit 2019 in Niger im Einsatz. Mali, Burkina Faso und Nigeria gehören zu den Nachbarländern des Binnenstaats. All diese Länder befinden sich in der Sahelzone, einem kargen Gürtel südlich der Sahara – einer Region, die sich über die gesamte Breite des afrikanischen Kontinents erstreckt. Die Bevölkerung hier wird von Dürren, Gewalt und zunehmend gewalttätigen Angriffen durch bewaffnete und radikale Gruppen heimgesucht. Millionen Menschen waren bereits zur Flucht gezwungen.

In dem Flüchtlingslager leben Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Jose traf einen jungen Mann aus Eritrea. Sie plauderten über Fußball. Über Manchester United, die Lieblingsmannschaft des jungen Mannes. Dass Jose, der aus Katalonien stammt, Fan der Mannschaft des FC Barcelona ist. Nach einer Weile wird Jose von seinem neuen Freund auf eine Tasse Tee in sein Zelt eingeladen.

Um die Sicherheit des jungen Mannes im Flüchtlingslager zu gewährleisten, möchte Jose nicht seinen richtigen Namen benutzen. Wir nennen ihn daher „David“.

David hat versucht, in seiner Unterkunft im Flüchtlingslager eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Er hat einige seiner eigenen Zeichnungen in seinem Zimmer ausgestellt. Foto: Jose Barahona/NRC

David hat versucht, in seiner Unterkunft im Flüchtlingslager eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Er hat einige seiner eigenen Zeichnungen in seinem Zimmer ausgestellt. Foto: Jose Barahona/NRC

NRC Flüchtlingshilfe leitet das Flüchtlingslager außerhalb Niameys, der Hauptstadt von Niger. Foto: Jose Barahona/NRC

David hat versucht, in seiner Unterkunft im Flüchtlingslager eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Er hat einige seiner eigenen Zeichnungen in seinem Zimmer ausgestellt. Foto: Jose Barahona/NRC

David hat versucht, in seiner Unterkunft im Flüchtlingslager eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Er hat einige seiner eigenen Zeichnungen in seinem Zimmer ausgestellt. Foto: Jose Barahona/NRC

NRC Flüchtlingshilfe leitet das Flüchtlingslager außerhalb Niameys, der Hauptstadt von Niger. Foto: Jose Barahona/NRC

„Während unseres Gesprächs erzählte er mir, dass er verkauft und missbraucht worden sei. Als ich diese Geschichte hörte, dachte ich, das klingt wie aus der Zeit der Sklaverei. Wie aus den Filmen, die ich als Kind gesehen hatte, wie die Fernsehserie ‚Roots’“, sagt Jose.

„Roots“ war eine TV-Serie nach dem gleichnamigen Buch des Autors Alex Haley. Der Protagonist, Kunta Kinte, war ein Vorfahr des Autors, der 1767 von Sklavenhändlern gefangen und in die USA verkauft wurde, um dort auf einer Plantage zu arbeiten.

Jose fügt hinzu:

„Ich hätte niemals gedacht, dass ich heute, im 21. Jahrhundert, einem Sklaven begegnen würde. Aber genau das war er gewesen.“

Die heutige Realität

Laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) umfasst das Wort „Sklaverei“ heutzutage eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen. Neben der traditionellen Sklaverei und dem Sklavenhandel zählt dazu auch der Verkauf von Kindern, Kinderprostitution, Kinderpornografie, die Ausbeutung von Kinderarbeit, Genitalverstümmelung weiblicher Kinder, der Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten, Schuldknechtschaft, den Handel mit Menschen und menschlichen Organen, die Ausbeutung der Prostitution und bestimmte Praktiken unter Apartheid- und Kolonialregimes.

Die Menschen, die internationalen Schutz brauchen – wie Migrierende, Geflüchtete, Binnenflüchtlinge und Staatenlose – sind häufig anfällig für Ausbeutung. Besonders gefährdet sind diejenigen ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in ihrem Ankunftsland. Sie können beispielsweise in der Transitphase oder bei der Arbeit in einem neuen Land verschiedenen Formen von Zwang ausgesetzt sein.


Eine Frau, die angibt, Opfer sexueller Ausbeutung gewesen zu sein und die sich selbst “Claudia Osadolor” nennt, um ihre Identität zu schützen, arbeitet als Schneiderin, nachdem sie in Benin Unterstützung von einer nigerianischen Organisation bekommen hat. Das Foto wurde im Juli 2019 aufgenommen. Foto: Nneka Chile/Reuters/NTB Scanpix

Sklaven in jedem Land

Wenn wir hier im Westen an Sklaverei denken, denken wir normalerweise an den transatlantischen Sklavenhandel zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Im Zuge dieses tödlichen Handels wurden Millionen von Afrikanerinnen und Afrikanern von den europäischen Kolonialmächten gefangen genommen und in die Neue Welt verschifft. Die Folgen waren für viele Teile Afrikas verheerend und diese Folgen sind auch heute noch zu spüren.

Dänemark war das erste europäische Land, das 1792 die Sklaverei in seinen Gebieten in Übersee abschaffte, und andere Länder folgten nach und nach diesem Beispiel. Sklaverei wird häufig als der Vergangenheit zugehörig betrachtet – tragischerweise wird sie aber immer noch praktiziert.

Nach den 2017 von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und der Walk Free Foundation erstellten Bericht Global Estimates of Modern Slavery („Globale Schätzung moderner Sklaverei“) sind über 40,3 Millionen Menschen moderner Sklaverei ausgesetzt – und die Zahl steigt rapide an. Von diesen 40,3 Millionen sind 25 Millionen Zwangsarbeiter und 15 Millionen zwangsverheiratet. Vertriebene sind dieser Form der Ausbeutung gegenüber besonders anfällig.

Es gibt derzeit in jedem Land Sklaven. In einem Bericht von 2018 des Global Slavery Index wird beispielsweise geschätzt, dass es in Großbritannien rund 136,000 Sklaven gibt.

Olaudah Equiano (ca. 1745–1797) war Autor und Abolitionist aus dem Königreich Benin (heute südliches Nigeria), der als junger Mann in die Sklaverei verkauft wurde. Später veröffentlichte er eine Autobiografie, in der er die Schrecken des Sklavenhandels beschreibt:

„Es war üblich […], dass die Sklaven mit den Initialen ihres Herrn gebrandmarkt wurden; und eine Ladung schwerer Eisenhaken hing um ihre Hälse. Tatsächlich wurden sie bei den unbedeutendsten Gelegenheiten mit Ketten beladen; und oft kamen Folterinstrumente hinzu. Die eiserne Schnauze, Daumenschrauben und Co. sind so bekannt, dass sie keiner Beschreibung bedürfen, und manchmal wurden sie bei den nichtigsten Fehlern eingesetzt. Ich sah, wie ein Sklave geschlagen wurde, bis einige seiner Knochen brachen, nur weil er einen Topf hatte überkochen lassen. Ist es da verwunderlich, dass solche Gewohnheiten diese armen Geschöpfe zur Verzweiflung treiben und sie dazu bringen, vor jenen Übeln, die ihr Leben unerträglich machen, im Tod Zuflucht zu suchen?“

(Aus: Merkwürdige Lebensgeschichte des Sklaven Olaudah Equiano (1789))


Frühe Ausgaben von Olaudah Equianos Buch enthielten dieses Porträt, das einzige erhaltene Porträt des Autors. Der Stich basiert wahrscheinlich auf einem verloren gegangenen Miniaturgemälde von William Denton. Foto: Wikimedia Commons

David hofft, von UNHCR Flüchtlingsstatus zu erhalten.

„Er sprach gutes Englisch und erzählte mir, dass er in Eritrea an der Universität studiert habe, aber er habe nicht zum Militär gehen wollen. Also sparte er genug Geld, um in ein anderes Land reisen zu können. Sein Ziel war, über die Grenze nach Äthiopien zu gelangen, wo er versuchen wollte, einen Arbeitsplatz zu finden und ein neues Leben anzufangen.

Im Jahr 2015 bezahlte David Schmuggler, um ihn im Auto über die Grenze zu bringen. Er bezahlte auch die Grenzposten auf beiden Seiten. Im Handumdrehen war er da. Es dauerte nur ein paar Stunden.“

Eine weitere Grenze

„Sklaverei“ ist ein System, bei dem eine Gruppe von Menschen Eigentum anderer ist, in dem Sinne, dass sie uneingeschränkt ausgebeutet werden können. Zwangsarbeit, Menschenhandel, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit und Zwangverheiratung gelten ebenfalls als Sklaverei.

Jose fährt fort:

„Als Eritreer in Äthiopien war es ohne Papiere schwierig, eine Arbeit zu finden. Er versuchte es lange, musste aber schließlich aufgeben. David lernte mehrere Leute kennen, die in derselben Situation waren wie er. Manche sagten, er solle mit ihnen in den Sudan gehen, dort sei es leichter, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ein weiteres Mal bezahlte David Schmuggler, die ihm halfen, über eine Grenze zu kommen.

Sie fuhren einen Van. Als sie in der Stadt an der Grenze zum Sudan ankamen, trafen sie dort wie verabredet eine Kontaktperson. Er fuhr sie in seinem Van etwa bis zur sudanischen Hauptstadt Khartoum.

Als sie aus dem Auto stiegen, wurden sie aufgehalten. Dann wurden sie in etwas eingesperrt, das David als ‚Loch’ bezeichnet.“ Jose denkt, es war vielleicht eine Garage oder etwas Ähnliches. Die Schmuggler sagten: „Immer mit der Ruhe! Wir bringen euch dahin, wo ihr hinwollt. Wir müssen euch nur eine Weile hier behalten.“

Davids Reise: Eritrea - Äthiopien - Sudan - Libyen - Niger

Davids Reise: Eritrea - Äthiopien - Sudan - Libyen - Niger

Nadia Murad gave slavery a face. She is an Iraqi Yazidi human rights activist. The United Nations appointed her the first Goodwill Ambassador for the Dignity of Survivors of Human Trafficking. In 2018, she was awarded the Nobel Peace Prize.


Foto: RYOT Films/Oscilloscope/Kobal/Shutterstock(10406128e)/NTB Scanpix. Nadia Murad 'On Her Shoulders' Documentary - 2018

Sklavenmärkte

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel in allen ihren Formen sind verboten.“

2017 erhielt der US-Nachrichtensender CNN ein Video, das die Welt erschütterte. Es war mit einem Mobiltelefon irgendwo in Libyen aufgenommen worden. Die Bildqualität war schlecht, aber es bestand kein Zweifel, was dort zu sehen war: ein Sklavenmarkt.

Hier können Sie das Video ansehen

Wir sehen einen Mann, der nach vorn geschoben wird. Er scheint in den Zwanzigern zu sein und soll aus Nigeria stammen. Er trägt ein Hemd und eine weite Hose. Jemand hat eine Hand auf seine Schulter gelegt, die ihn die ganze Zeit über festhält – als ob er damit betonen wolle, dass die „Ware“ sein Eigentum sein. Wir hören eine Stimme: „800... 900… 1.000… 1.100…“ Verkauft. Für 1.200 libysche Dinar (rund 750 Euro).

Eine CNN-Reporterin reiste daraufhin für weitere Nachforschungen nach Libyen. Mit versteckter Kamera kam sie mit einem Kollegen auf einem Privatgrundstück in der Nähe der libyschen Hauptstadt Tripolis an. Sie wurden Zeugen, wie zwölf Menschen verkauft wurden. Es dauerte lediglich sechs bis sieben Minuten. Der Auktionator, in Tarnkleidung gekleidet, sagt: „Hat jemand etwas zu graben? Der hier ist ein großer, starker Mann, er wird graben.“ Und: „Was bietet ihr? Was bietet ihr?“

Laut CNN wurde das Filmmaterial zur Untersuchung an die libyschen Behörden übergeben.

Gewalt, Vergewaltigung und Tod

„Wir waren nicht lange in der Obhut des Händlers, bis wir auf ihre übliche Weise verkauft wurden, nämlich so: Auf ein bestimmtes Signal hin (zum Beispiel ein Trommelschlag) kommen die Käufer alle gleichzeitig in den Hof, wo die Sklaven eingesperrt sind, und suchen sich den aus, der ihnen am besten gefällt. Der Lärm und das Geschrei dabei und der Eifer, der in den Gesichtern der Käufer zu sehen ist, tragen nicht wenig dazu bei, die Besorgnis der verängstigten Afrikaner zu verstärken… Auf diese skrupellose Weise werden Verwandte und Freunde voneinander getrennt und die meisten werden sich niemals wiedersehen.“

(Aus: Merkwürdige Lebensgeschichte des Sklaven Olaudah Equiano (1789))


Einige der vielen grausamen Werkzeuge, mit denen Menschen misshandelt wurden. Foto: Wikimedia Commons

„Nachdem sie ein paar Wochen eingesperrt gewesen waren, wurden David und die anderen aufgefordert, in den Van zu steigen, um nach Libyen zu fahren. Nach vielen Stunden hielt das Auto in der Wüste an. Dort wurden die Gefangenen der libyschen Mafia übergeben. Dann wurden sie abermals in einem ‚Loch’ eingeschlossen.

In dem Loch war es stockdunkel. Ohne Licht fiel es David schwer, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Er weiß nicht, wie lange er dort war. Sie bekamen wenig zu essen. Sie waren regelmäßig Gewalt und Missbrauch ausgesetzt. Sie wurden regelmäßig vergewaltigt.

„Eines Tages brachten sie David endlich nach draußen und drückten ihm ein Handy in die Hand: ‚Ruf deine Familie an und sag ihnen, sie sollen uns Geld schicken. Wenn nicht, bleibst du hier.’

David war zu diesem Zeitpunkt schon so zermürbt, dass er nicht anders konnte, als zu Hause anzurufen. Weinend bat er seine Familie darum, den Geldbetrag zu schicken, den die Schmuggler als Lösegeld verlangten.“

Erneut verkauft

Libyen grenzt im Norden ans Mittelmeer und ist damit ein enger Nachbar Europas. Das Land ist für Flüchtende und Migrierende zu einem wichtigen Ausgangspunkt von Afrika nach Europa geworden.

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Jose nimmt einen Schluck Wasser. Wir sitzen uns an einem Tisch in einem der Besprechungsräume in der Zentrale von NRC Flüchtlingshilfe in Oslo gegenüber. Er stellt das Glas wieder ab und sagt:

„Und vielleicht musste Davids Familie fast ihren gesamten Besitz verkaufen, um das Geld zusammenzubekommen?

David wurde jedenfalls wieder eingesperrt. Eins der schlimmsten Erlebnisse während seiner Gefangenschaft war, als er mit ansehen musste, wie einer seiner Freunde starb.

Schließlich wurde er freigelassen. Sie sagten: ‚Geh runter zum Strand. Da ist ein Boot, das dich nach Europa bringt.’ Aber das war eine Lüge. David wurde erneut verkauft. Am Strand angekommen wurde er gefesselt und mit verbundenen Augen in ein Auto geworfen.

Das Auto hielt irgendwo an der Küste. Wieder wurde David eingesperrt. Und der Höllentrip begann von Neuem: Gewalt, Vergewaltigung, Hunger. Menschen starben.

Er war dort ein paar Monate lang. Es war nun fast drei Jahre her, seit er sein Heimatland verlassen hatte, als er seine Familie erneut anrufen sollte. Die Familie sagte, sie hätten kein Geld mehr. Aber es gelang ihnen, Kontakt zu einem Verwandten in den USA aufzunehmen, der ihnen das Geld lieh.“

Andere Sklavenhandel im Laufe der Geschichte

Auch wenn der transatlantische Sklavenhandel das größte und erschütterndste Beispiel ist, das wir kennen, wurde im Laufe der Menschheitsgeschichte rund um die Welt von verschiedenen Völkern Sklavenhandel betrieben. Der arabische Sklavenhandel mit Europäern zum Beispiel dauerte bis weit in die transatlantische Ära hinein an. Die Araber handelten mit Sklaven aus dem afrikanischen Binnenland, Süd- und Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien. In Nordafrika, wo jedes Jahr Tausende Sklaven verkauft wurden, gab es getrennte Märkte für weiße Sklaven.


„Im Sommer 1627 bekam Island unerwünschten Besuch von der Außenwelt. Das Land wurde von Korsaren geplündert, Sklavenhändler aus dem Osmanischen Reich…“, schreibt Aslak Sira Myhre, Direktor der Norwegischen Nationalbibliothek (norwegische Zeitung Dagsavisen, 7. Juni 2019).

Unter den Isländerinnen und Isländern, die gefangen genommen wurden, war auch der Priester Olafur Egilsson. Später schrieb er, dass die Mannschaft des Schiffes, die ihn aus Island mitnahmen, zwei Gruppen angehörte: Es waren türkische Soldaten in Uniform sowie Holländer, Norweger und Engländer. Der Anführer des Überfalls hieß Murat Reiz. 50 Jahre zuvor war er jedoch in Haarlem in den Niederlanden auf den Namen Jan Janszoon getauft worden. Nach vielen Jahren als Soldat und Schiffskapitän wurde er in einer Seeschlacht von den Türken gefangen genommen. Janszoon diente in der türkischen Flotte und wurde Admiral in der osmanischen Überfallflotte. Auch einen Überfall auf Irland führte er an.


In unserer heutigen Zeit werden Menschen infolge von Armut, Krieg und Konflikt, unzureichenden Schutzmechanismen in ihrem Land, den Klimawandel, Umweltzerstörung, Zwangsvertreibung, Verfolgung, politische und religiöse Unterdrückung, Zwangsverheiratung, Gewalt und schwere Diskriminierung versklavt. Sie laufen Gefahr, in dem Land, in dem sie Zuflucht suchen, oder während sie versuchen, dorthin zu gelangen, Opfer von Menschenhandel und Sklaverei zu werden.


Eine Installation von Betonköpfen, die die versklavten Vorfahren Afrikas darstellen, des ghanaischen Künstlers Kwame Akoto Bamfo, in Nuhalenya Ada, Ghana. Das Foto wurde im Juli 2019 von Reuters aufgenommen. Foto: Reuters/Handout/NTB Scanpix

Jose sagt, David habe mit seinem allerletzten Geld einen Platz auf einem Plastikboot gekauft, dessen Ziel die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa war. Sein Ziel war nun Europa. David war nie zuvor auf See gewesen.

„In dem Boot saßen 92 Menschen. Die Schmuggler selbst fuhren nicht mit, erklärten aber, wie der Motor funktionierte, und sie gaben den Migrierenden etwas Benzin und ein GPS.

Sein Leben als freier Mann war jedoch nicht von langer Dauer. Nach 12 Stunden auf See wurden sie von der libyschen Küstenwache entdeckt, nach Libyen zurückgeschickt und inhaftiert“, sagt Jose.

„Aufgrund der prekären Lage im Land wurde David in drei verschiedene Gefängnisse gebracht. Aber obwohl die Bedingungen dort hart waren, wurde er niemals geschlagen oder missbraucht.“

Begegnung mit dem Meer

„Der Gestank des Laderaums, während wir an der Küste waren, war so unerträglich abscheulich, dass es gefährlich war, sich dort aufzuhalten... Die Enge, die Hitze des Klimas, die vielen Menschen auf dem Schiff, das so voll war, dass jeder kaum Platz hatte, sich umzudrehen, erstickte uns fast ... man konnte die Luft, die durch verschiedene abscheuliche Gerüche verpestet war, bald kaum noch atmen, und sie verursachte unter den Sklaven eine Krankheit, an der viele starben ... Die Schreie der Frauen, das Stöhnen der Sterbenden machte das Ganze zu einem unvorstellbaren Schreckensszenario.“

(Aus: Merkwürdige Lebensgeschichte des Sklaven Olaudah Equiano (1789))


Zeichnung von 1791 aus einer Sammlung des Wilberforce Museum in Hull, England, die das Sklavenschiff Brookes zeigt. Mit der Veröffentlichung dieses Bildes, so das Museum, wurde der Öffentlichkeit zum ersten Mal eine klare visuelle Darstellung der Bedingungen an Bord von Sklavenschiffen zur Verfügung gestellt. Foto: Wikimedia Commons

Endlich frei

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und die nigerianischen Behörden arbeiten seit 2017 an einem Programm zur Evakuierung von 2.900 derzeit in Libyen inhaftierten Geflüchteten nach Niamey. Als David von UNHCR gefunden wurde, ging alles sehr schnell. Er wurde nach Niamey geflogen und in ein Flüchtlingslager gebracht.

Hier hat David nun ein eigenes Zelt. Er hat Lebensmittel und andere Dinge bekommen, die er braucht, um sich selbst zu versorgen. NRC Flüchtlingshilfe kümmert sich hier um die Koordination und Verwaltung des Lagers.

Nachdem David seine Geschichte erzählt hatte und er und Jose ihren Tee ausgetrunken hatten, war es Zeit, sich zu verabschieden.

Aber David und Jose sind immer noch in Kontakt. Sie sind Facebook-Freunde.


Quellen: Great Norwegian Encyclopedia (Store Norske Leksikon), IOM, the Norwegian Government’s Assistance Programme against Modern Slavery, UN Special Rapporteur on contemporary forms of slavery, Mixed Migration Centre, UNHCR, Dagbladet, Wikipedia.