Rafsanjan Settlement is situated about 15 kilometres outside of Kerman city in southern Iran. It hosts 5,500 Afghan refugees, making it the largest refugee settlement in the country. Picture: Hamid Sadeghi/NRC
Coronavirus

Iran: Träume auf Eis gelegt

Für eine Gruppe afghanischer Flüchtlinge im Iran sollte das Jahr 2020 der Beginn einer besseren und glücklicheren Zukunft werden. Ausbildungskurse in ihrer Flüchtlingssiedlung boten einen Hoffnungsschimmer für die Bewältigung der Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren. Doch diese Hoffnungen sind nun aufgrund von Covid-19 vorerst auf Eis gelegt.

Seit über 40 Jahren bietet der Iran afghanischen Geflüchteten Zuflucht. Viele sind im Exil aufgewachsen. Der Iran ist die einzige Heimat, die sie kennen.

Die geschäftige Siedlung Rafsandschan im Süden des Landes beherbergt rund 5.500 afghanische Geflüchtete und ist damit die größte Flüchtlingssiedlung des Iran. Diejenigen, die hier leben, werden von der iranischen Regierung de facto als Flüchtlinge betrachtet. Trotz der Bemühungen der Regierung und Hilfsorganisationen haben viele von ihnen Probleme, eine verlässliche Einkommensquelle zu finden, und sind kaum in der Lage, ihren Grundbedarf wie Lebensmittel, Medikamente und medizinische Versorgung zu decken.

Hoffnungen für die Zukunft

Alireza, 33, versorgt seine vierköpfige Familie und unterstützt seine Eltern und Geschwister. Er ist damit alleiniger Ernährer einer zehnköpfigen Familie.

„Es würde uns wirklich helfen, bessere Jobs zu finden, wenn wir neue Fähigkeiten lernen könnten“, sagt Alireza.

Um darauf zu reagieren, veranstaltete NRC Flüchtlingshilfe zusammen mit der Technical and Vocational Organization of Iran (TVTO) Schulungskurse, um afghanische Geflüchtete für eine Reihe von beruflichen Tätigkeiten zu qualifizieren. Mit finanzieller Unterstützung der Dänischen Entwicklungsagentur (Danida) konnten 24 afghanische Erwachsene an diesem Programm teilnehmen, das unter anderem Kurse zu Architekturdesign und fortgeschrittener Sanitärtechnik und -praxis umfasste.

„Wir wurden durch die Ankündigungen von NRC Flüchtlingshilfe in der Siedlung auf diese Kurse aufmerksam“, fügt Alireza hinzu.

Kurz nachdem Alireza und die anderen Teilnehmenden im Jahr 2018 die ersten Grundkurse absolviert hatten, fanden einige bereits Arbeit in Rafsandschan City – für sie und ihre Familien eine deutliche Verbesserung. Einigen wurde jedoch bald klar, dass sich noch weiter fortbilden mussten, um auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt eine Chance zu haben.

Afghan refugees attend a vocational training course on theories of architectural design at a settlement in Kerman, Iran. The training was funded by the Danish International Development Agency (DANIDA). Photo: Roya Maleki/NRC
Lesen Beschriftung Afghanische Flüchtlinge in einem Berufsbildungskurs über Architekturdesign in einer Siedlung in Kerman, Iran. Die Schulung wurde von der Dänischen Entwicklungsagentur (Danida) finanziert. Foto: Roya Maleki/NRC

Die Zügel selbst in die Hand nehmen

Alireza schloss zunächst den Architekturkurs ab, um im Bausektor arbeiten zu können. Er und seine Mitschüler aus dem Kurs fanden jedoch mit diesem Abschluss kaum Arbeit. Sie sahen, dass es für diejenigen, die zusätzliche Qualifikationen hatten, leichter war, Arbeit zu finden. Daher initiierten sie Gespräche mit dem Siedlungsmanager und NRC Flüchtlingshilfe, um ihre Beobachtungen mitzuteilen und Vorschläge zu machen, wie sie ihr Können weiter verbessern könnten.

„Wir haben die Theorie und ein wenig Praxis gelernt, aber wir brauchen mehr praktische Kurse, um bessere Jobs zu bekommen“, sagt Alireza.

NRC Flüchtlingshilfe erhielt von Danida Mittel für eine zweite Runde von Kursen und plante, diese Anfang 2020 zu beginnen. Diese Kurse sollten fortgeschrittene Elektroarbeiten und Schweißen umfassen. Sie waren für zwölf Teilnehmer ausgelegt und sollten sieben Monate dauern.

Als jedoch im Februar die Covid-19-Epidemie ausbrach, kam das Programm plötzlich zum Stillstand. Die meisten Gruppenaktivitäten mussten sofort eingestellt werden.

„Uns wurde eine zweite Runde dieser Kurse auf fortgeschrittenem Niveau versprochen und wir haben uns dafür angemeldet, aber nun ist wegen des Coronavirus hintangestellt“, erklärt Alireza.

Afghan refugees attend a vocational training course about methods of piping, which included practical exercises in Kerman, Iran. The training was funded by the Danish International Development Agency (DANIDA). Photo: Roya Maleki/NRC
Lesen Beschriftung Afghanische Flüchtlinge in einem Berufsbildungskurs über Rohrleitungsmethoden in Kerman im Iran. Der Kurs beinhaltete auch praktische Übungen. Die Schulung wurde von der Dänischen Entwicklungsagentur (Danida) finanziert. Foto: Roya Maleki/NRC

Corona im Iran

Der Iran gehört zu den Ländern mit der höchsten Anzahl bestätigter Fälle im Nahen Osten und Asien. Die ersten beiden Todesfälle infolge von Covid-19 ereigneten sich unerwartet am 19. Februar 2020 und danach breitete sich das Virus schnell weiter aus.

Wir von NRC Flüchtlingshilfe haben unsere Programme rasch angepasst, um uns auf den dringenden Bedarf der durch Covid-19 besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu konzentrieren. Wir haben sichergestellt, dass Haushalte und Gesundheitszentren über angemessene Hygieneeinrichtungen verfügen, um sich gegen das Virus zu schützen.

Um die Empfehlungen in Bezug auf Social Distancing einhalten zu können, wurden unsere Berufsbildungskurse vorübergehend eingestellt. Die unerwartete Unterbrechung der lang erwarteten Fortgeschrittenenkurse bevor sie überhaupt richtig begonnen hatten, war für diejenigen, die so große Hoffnungen in diese Schulungen gelegt hatten, um ihre Fähigkeiten und beruflichen Aussichten zu verbessern, eine herbe Enttäuschung.

With support from NMFA, NRC is providing thousands of soaps to Afghan families living in settlements in Iran to encourage hand washing, the most effective preventive measure for COVID-19. Distribution is paired with hygiene promotion messaging through different leaflets reinforcing key points provided by the Ministry of Health. Photo: Shahin Shadian/ NRC
Lesen Beschriftung Unsere Teams bereiten in der iranischen Provinz Teheran Hygiene-Sets zur Verteilung vor. Foto: Shahin Shadian/NRC

Pläne auf Eis

Die Corona-Präventionsmaßnahmen haben unseren Alltag dramatisch verändert und können das Gefühl auslösen, als sei unser Leben auf Eis gelegt worden. Da niemand genau weiß, wann die Maßnahmen wieder aufgehoben werden, können Millionen Menschen auf der ganzen Welt keine Pläne für die kommenden Monate machen. Dieses Gefühl hat auch diese Gruppe von afghanischen Flüchtlingen, die nun darum kämpfen, über die Runden zu kommen, und ungeduldig darauf gewartet hatten, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse zu verbessern.

Wenn die Covid-19-Krise sich im Iran stabilisiert, wird NRC Flüchtlingshilfe einige der geplanten Bildungsprojekte wieder aufnehmen, einschließlich der TVTO-Kurse. Vorerst ist es jedoch unser vorrangigstes Anliegen, die Menschen, die wir unterstützen, durch vorbeugende Maßnahmen wie Social Distancing und das Vermeiden von unnötigen Menschenansammlungen zu schützen. Außerdem setzen wir uns verstärkt für sauberes Wasser ein, verteilen Seife und Hygieneartikel und informieren über Präventivmaßnahmen gegen das Coronavirus.

Wir freuen uns auf die Wiederaufnahme der TVTO-Kurse und andere Lernaktivitäten im Iran, sobald die Welt beginnt, sich von der Coronavirus-Pandemie zu erholen.


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Im Jahr 2019 unterstützte NRC Flüchtlingshilfe im Iran über 91.000 Menschen in Not, darunter afghanische und iranische Vertriebene, die von Naturkatastrophen betroffen waren. Insgesamt 5.332 Personen profitierten 2019 von unseren Programmen zum Lebensunterhalt.

Lesen Sie mehr über unsere Arbeit im Iran.