Während Afghanistan vor August 2021 im Zentrum der Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft stand, ist das Land seither von der globalen Agenda verschwunden. Die NATO-Staaten haben sich zurückgezogen und dabei Millionen schutzbedürftiger Afghan*innen zurückgelassen. Diese sind nun mit einem wachsenden humanitären Bedarf konfrontiert – und das bei gleichzeitig schwindender internationaler Aufmerksamkeit und Unterstützung.
„Das ist mein fünfter Besuch in Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021, und jedes Mal habe ich eine sich verschärfende humanitäre Krise erlebt, unter der insbesondere Frauen und Mädchen leiden. Die westlichen Länder, die versprochen hatten, sie ‚niemals zu vergessen‘, haben sich lediglich mit Lippenbekenntnissen begnügt. Wo bleibt die Hilfe für Familien, die allein und im Stich gelassen leiden? Wo sind die Diplomat*innen und Gesandten, die dringend benötigte internationale Unterstützung für afghanische Familien in Not mobilisieren und den Frauen und Mädchen hier Erleichterung verschaffen könnten?“, so Egeland.
„Diese Woche habe ich Mütter getroffen, die ihren Kindern nichts zu geben haben und die den kommenden Winter fürchten. Die Unterernährung bei Kleinkindern nimmt rasant zu, und die Gemeinden sind am Boden zerstört. Sie wissen nicht mehr, an wen sie sich wenden sollen. Den humanitären Hilfskräften stehen weniger als ein Drittel der benötigten Mittel zur Verfügung. Das zwingt die Organisationen dazu, unmögliche Entscheidungen darüber zu treffen, wem geholfen werden kann.“
Afghanistan erlebt derzeit eine der größten Rückkehrwellen weltweit. Allein im Jahr 2025 kehrten 2,9 Millionen Afghan*innen aus Pakistan und dem Iran zurück. Auch in diesem Jahr sind bereits mehr als eine Million Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt.
Dieses Ausmaß und Tempo üben enormen Druck auf Gemeinden, den Wohnungsmarkt, die Lebensgrundlagen sowie die ohnehin schon überlasteten öffentlichen Dienste aus. Monatelange sporadische Kämpfe zwischen Afghanistan und Pakistan haben die große Unsicherheit der Zivilbevölkerung, die für ihren eigenen Lebensunterhalt nicht sorgen kann, weiter verstärkt.
„Als ich letztes Jahr die iranisch-afghanische Grenze und diese Woche erneut unser kommunales Ressourcenzentrum in Kandahar besuchte, traf ich viele Familien, die nach Afghanistan zurückgekehrt waren. Sie kommen mit fast nichts hier an und können kaum oder gar keine Unterstützung erwarten“, sagt Egeland.
„Diese Woche habe ich Familien kennengelernt, die gezwungen sind, in den einfachsten Unterkünften zu leben – manchmal ohne Dach, mit nichts als Stöcken und weggeworfenen Verpackungen als Wände. Sie müssen die Möglichkeit haben, ihr Leben neu aufzubauen und wieder selbstbestimmt und in Würde ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.“
Frauen und Mädchen in ganz Afghanistan sehen sich weiterhin mit strengen Einschränkungen konfrontiert, die seit 2021 gelten. Dazu zählen Beschränkungen in den Bereichen Bildung, Arbeit, Bewegungsfreiheit und Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Für Frauen und Mädchen, die ins Land zurückkehren, deren Familien kaum oder gar kein Einkommen haben und die aufgrund fehlender Mittel oft in Gebieten ohne Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Bildung Zuflucht suchen müssen, sind diese Herausforderungen noch größer.
Entscheidend ist, dass Geber nicht nur in Nothilfe, sondern auch in längerfristige Initiativen investieren, die den Rückkehrenden dabei helfen, ihre Abhängigkeit von humanitärer Hilfe zu verringern.
„Familien, die nach Afghanistan zurückkehren, sind in einer furchtbaren Situation gefangen“ sagt Egeland. „Politische Einschränkungen bei der Zusammenarbeit mit den afghanischen Behörden erschweren die Erarbeitung langfristiger Lösungen. Humanitäre Organisationen haben daher Mühe, den ständig wachsenden, dringenden Bedarf zu decken. Die internationale Gemeinschaft muss sinnvoll mit den afghanischen Behörden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Menschen hier nicht den Preis für sich verschiebende geopolitische Prioritäten zahlen.“
Mohammad Ali, Vater von sechs Kindern, der aus dem Iran zurückgekehrt ist und nun am Rande der Provinz Herat lebt, sagt: „Seit meiner Rückkehr vor einem Jahr habe ich kaum Nothilfe erhalten. Ich bin dankbar für diese [Unterstützung], aber eine solche Hilfe reicht nicht aus, um dauerhaft den Lebensunterhalt zu sichern. Ich bin bereit zu arbeiten, doch es gibt weder Arbeit noch [nachhaltige] Unterstützung, die die Zukunft meiner Kinder und meine eigene sichern könnte.“
„Die Geber stehen zwar vor konkurrierenden globalen Prioritäten, doch hier zu sein und mitanzusehen, wie die afghanische Zivilbevölkerung im Stich gelassen wird, ist äußerst schockierend“ sagt Egeland.
„Nach Jahren kostspieliger militärischer Interventionen stammen die Geschichten, die ich gehört habe, aus Gemeinden, die in Vergessenheit geraten sind. Wo sind die Diplomaten? Wo sind die internationalen Institutionen? Diejenigen, die Erfahrung darin haben, in komplexen Situationen Hilfe zu leisten, sollten hier viel mehr tun.
Die letzten fünf Jahre waren eine verzweifelte Abwärtsspirale. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Zivilbevölkerung in Afghanistan nicht in Vergessenheit gerät.“
Hinweise für die Redaktionen:
- Fotos und B-Roll-Material von Egelands Besuch in Afghanistan stehen hier zur freien Verwendung bereit.
- Die Unterernährungsraten bei Kleinkindern in Afghanistan steigen rapide an. 3,7 Millionen Kinder sind akut unterernährt, darunter eine Million, die von lebensbedrohlicher schwerer akuter Unterernährung betroffen sind (UNICEF).
- Seit Ende 2023 sind über sechs Millionen Afghan*innen aus Pakistan und dem Iran zurückgekehrt (IOM DTM).
- Allein im Jahr 2025 sind rund 2,9 Millionen Afghan*innen aus Pakistan und dem Iran zurückgekehrt (UNHCR).
- Im Jahr 2026 sind bisher eine Million Afghan*innen zurückgekehrt (UNHCR).
- 73 Prozent der afghanischen Rückkehrer*innen sind arbeitslos (Returnee resilience overview|Afghanistan).
- Im Dezember 2025 waren 3,2 Millionen Menschen Binnenvertriebene (UNHCR Afghanistan Situation Report).
- Eine Zusammenfassung der jährlichen humanitären Bedarfs- und Hilfspläne für Afghanistan ist hier einsehbar.
- Die ohnehin schwierigen Lebensbedingungen der afghanischen Zivilbevölkerung verschlimmern sich zusätzlich durch immer häufiger auftretende Naturkatastrophen. Im vergangenen August erschütterte ein verheerendes Erdbeben den Osten Afghanistans und forderte Tausende Tote und Verletzte. Mehr als 8.000 Familien, darunter 28.000 Frauen, waren in den Provinzen Kunar, Nangarhar und Laghman direkt betroffen und verloren ihre Unterkunft.
- Die für humanitäre Hilfe verfügbaren Mittel wurden um fast 70 Prozent gekürzt – von 3,3 Milliarden US-Dollar (ca. 2,84 Milliarden Euro) im Jahr 2022 auf eine Milliarde US-Dollar (ca. 861 Millionen Euro) im Jahr 2025. Bislang wurden in diesem Jahr nur 500 Millionen US-Dollar (ca. 430 Millionen Euro) für humanitäre Hilfe bereitgestellt, was etwa 30 Prozent der benötigten 1,7 Milliarden US-Dollar (ca. 1,46 Millionen Euro) entspricht (OCHA).
- NRC unterstützt Vertriebene in neun Provinzen Afghanistans unter anderem durch die Bereitstellung von Wasser und Sanitärversorgung, Schutz vor Gewalt, Informationen und Rechtsbeistand sowie Bildungsangeboten. Unsere kommunalen Ressourcenzentren fungieren als zentrale Anlaufstellen für die Hilfsmaßnahmen und stellen sicher, dass Familien die benötigten Dienste erhalten. Im Jahr 2025 haben wir mehr als 340.000 Menschen unterstützt, darunter 49 Prozent Frauen.
Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:
- Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
- NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329
