Im Omari-Lager am Grenzübergang Torkham wurden Notunterkünfte für Rückkehrende aus Pakistan errichtet. Foto: Maisam Shafiey/NRC

Afghanistan: Fünf Jahre später hat die Welt den Menschen den Rücken zugekehrt

Afghanistan sieht sich mit einer schweren humanitären, wirtschaftlichen und klimatischen Krise konfrontiert. Doch laut dem Norwegian Refugee Council (NRC) haben die NATO-Staaten ihre Verpflichtungen gegenüber dem afghanischen Volk vernachlässigt.
Pressemitteilung
Afghanistan
Veröffentlicht 10. Aug. 2026

Vor fünf Jahren verließen westliche Soldat*innen, Diplomat*innen sowie Entwicklungsorganisationen das Land. Zurückgelassen haben sie eine Zivilbevölkerung, die in einer sich zunehmend verschlechternden humanitären Lage gefangen ist.

Die Rückkehr von mehr als sechs Millionen Afghan*innen aus den Nachbarländern seit Ende 2023 hat die ohnehin bereits prekäre humanitäre Lage in dem von mehreren Krisen geschwächten Land zusätzlich verschärft. Wiederkehrende Klimakatastrophen, regionale Spannungen sowie der seit der Machtübernahme der Taliban immer weiter schwindende Freiraum für Frauen und Mädchen belasten die Bevölkerung enorm. Gleichzeitig haben drastische Kürzungen bei den humanitären und Entwicklungshilfegeldern dazu geführt, dass Millionen Afghan*innen ums Überleben kämpfen.

„Die NATO-Staaten haben ihre Versprechen gegenüber den afghanischen Mädchen und Jungen vergessen und den afghanischen Zivilist*innen den Rücken zugekehrt. Wir stehen bei der Bewältigung der wachsenden Bedürfnisse und der schwindenden Rechte von Mädchen und Frauen in ganz Afghanistan zunehmend allein da. Eine wachsende Finanzierungslücke zwingt humanitäre Organisationen dazu, die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Unterkünften und medizinischer Hilfe für obdachlose und hungernde Familien einzuschränken“, sagt Jan Egeland, Generalsekretär des NRC.

Millionen afghanische Flüchtlinge sind zurückgekehrt und sehen sich nun einem ungewissen Schicksal gegenüber. Viele von ihnen müssen einen völligen Neustart wagen. Bis zu 73 Prozent von ihnen sind arbeitslos und es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

„Unterkunft und Unterstützung bei der Deckung des Lebensunterhalts gehören nach wie vor zu den dringendsten Bedürfnissen der Rückkehrer*innen. Die schrumpfenden Finanzhilfen bedeuten, dass viele Familien ohne Obdach sind und Schwierigkeiten haben, ihre Kinder zu ernähren“, so Egeland.

Die afghanischen Behörden sehen vor, Rückkehrenden Grundstücke zuzuteilen. Doch der hohe Zustrom an Menschen, die in ihre Heimat zurückkehren, komplexe Verfahren bei der Zuteilung, fehlende Investitionen und der Mangel an grundlegenden Dienstleistungen erschweren eine erfolgreiche Wiedereingliederung.

Mohammad Jabbar, ein aus Pakistan zurückgekehrter Afghane, erklärt gegenüber dem NRC: „Die meisten Rückkehrer*innen, so wie wir, brauchen dringend eine Unterkunft und Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir wollen, dass die Landvergabe zügig erfolgt und diesen dringenden Bedürfnissen gerecht wird.“

Trotz der anhaltenden Krisen und des humanitären Bedarfs in ganz Afghanistan sind die Mittel für humanitäre Hilfe weiterhin erheblich zurückgegangen. So war der Plan für humanitäre Bedürfnisse und Hilfsmaßnahmen (Humanitarian Needs and Response Plan) im Jahr 2021 noch zu fast 96 Prozent finanziert. Im Jahr 2025 sank dieser Anteil auf 42 Prozent und in diesem Jahr wurden bisher lediglich 26 Prozent der benötigten Mittel bereitgestellt.

„NRC fordert mehr Investitionen, um langfristige Lösungen und den Wiederaufbau in Afghanistan zu unterstützen. Gleichzeitig muss die internationale Gemeinschaft eng mit den afghanischen Behörden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass humanitäre Hilfe und Grundversorgung nicht von politischen Interessen beeinträchtigt werden und schutzbedürftige Gemeinschaften die Unterstützung erhalten, die sie für den Wiederaufbau ihres Lebens benötigen“, sagt Egeland.

Hinweise für die Redaktionen:

  • B-roll steht hier zur freien Verwendung zur Verfügung.
  • Fotos stehen hier zur freien Verwendung zur Verfügung.
  • Seit Ende 2023 sind über sechs Millionen Afghan*innen aus Pakistan und dem Iran zurückgekehr (IOM DTM).
  • 73 Prozent der afghanischen Rückkehrer*innen sind arbeitslos (Returnee resilience overview|Afghanistan).
  • Im Dezember 2025 waren 3,2 Millionen Menschen Binnenvertriebene (UNHCR Afghanistan Situation Report)
  • Eine Zusammenfassung des jährlichen Plans für humanitäre Bedürfnisse und Hilfsmaßnahmen (Humanitarian Needs and Response Plan) ist hier einsehbar.
  • Die für humanitäre Hilfsmaßnahmen verfügbaren Mittel wurden um fast 70 Prozent gekürzt – von 3,3 Milliarden US-Dollar (ca. 2,86 Milliarden Euro) im Jahr 2022 auf eine Milliarde US-Dollar (ca. 866,74 Millionen Euro) im Jahr 2025. Bislang wurden lediglich 450 Millionen US-Dollar (ca. 390 Millionen Euro) bereitgestellt. Dies entspricht etwa 26 Prozent der benötigten 1,7 Milliarden US-Dollar (ca. 1,47 Milliarden Euro) (UNOCHA Financial Tracking Service).

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