Bilden visar flera bostadshus som har rasat samman.  Delar av byggnaderna står fortfarande kvar, men är kraftigt skadade och instabila.
Ein Haus im Bezirk Norgal in der Provinz Kunar, das beim Erdbeben im August zerstört wurde. Foto: Maisam Shafiey/NRC

Afghanistan: Sechs Monate nach dem Erdbeben sind Familien von Vernachlässigung bedroht

Sechs Monate nach dem Erdbeben der Stärke 6,0, das am 31. August 2025 die Provinz Kunar im Osten Afghanistans traf, sind die Mittel für die humanitäre Unterstützung der betroffenen Familien stark zurückgegangen. Zahlreiche Hilfsangebote drohen geschlossen zu werden. Das Norwegian Refugee Council (NRC) warnt davor, dass Familien ohne die dringend benötigte Unterstützung erneut vertrieben werden könnten.
Pressemitteilung
Afghanistan
Veröffentlicht 26. Feb. 2026

„Tausende Familien, die bei dem verheerenden Erdbeben im August ihr Zuhause verloren haben, befinden sich weiterhin in einer ungewissen Lage. Viele von ihnen leben seit der Katastrophe in Zelten oder provisorischen Unterkünften. Sie mussten sechs Monate lang harsche Wetterbedingungen und einen bitterkalten Winter überstehen, mit kaum mehr als Zeltplanen über ihren Köpfen“, sagt Jacopo Caridi, Landesdirektor des NRC in Afghanistan. „Nun gehen vielen humanitären Organisationen, darunter auch NRC, die Mittel aus. Sie werden gezwungen sein, ihre Arbeit in der Region zu beenden. Das wird zur Schließung zentraler Angebote führen und den Familien, die alles verloren haben, kaum eine Chance auf angemessene Unterkünfte lassen.“

„Wir befürchten, dass der Rückgang der Unterstützung dazu führen wird, dass den Menschen keine andere Wahl bleibt, als anderswo im Land nach Hilfsangeboten und einer Zukunft zu suchen. Das würde zu weiterer Vertreibung und zusätzlicher Not führen. Internationale Geber müssen sich verstärkt für eine langfristige Zukunft der afghanischen Bevölkerung einsetzen, so wie sie auch Unterstützung geleistet haben, als das Erdbeben das Land traf. Familien müssen dabei unterstützt werden, ihr Leben dort wieder aufzubauen, wo sie sind.“

Durch das Erdbeben im August verloren 8.000 Familien ihr Zuhause. Insgesamt 186.000 Menschen benötigten Notunterkünfte und grundlegende Haushaltsausstattung. NRC und andere humanitäre Organisationen versorgten die Familien mit Zelten als Notunterkünften sowie mit anderen wichtigen Hilfsgütern wie sauberem Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Auch die lokalen Behörden stellten Unterkünfte für die am stärksten gefährdeten Familien bereit. Doch auch ihre finanziellen Mittel sind begrenzt, weshalb internationale Hilfe unverzichtbar ist.

Zelte sind in einer Krisensituation überlebenswichtig und dienen als Notunterkünfte, jedoch nur als Übergangslösung für die ersten Wochen und Monate der Vertreibung. Als langfristige Unterkunft sind sie nicht geeignet.

„Wir leben immer noch in Zelten und unser nur teilweise wiederhergestelltes Haus ist für meine Familie nicht sicher genug“, erklärt der 27-jährige Gul Bacha, ein Bewohner der Provinz Kunar. „Die Nothilfe hat uns geholfen, die ersten Monate zu überstehen, aber seitdem wurde die Unterstützung eingestellt. Mit der Aussetzung der Lebensmittelverteilung machen wir uns nun Sorgen, wie wir die kommenden Monate überstehen sollen. Ohne weitere Unterstützung sind Familien wie meine weiterhin ernsthaft gefährdet.“

Der Mangel an Hilfsgeldern für Afghanistan führt zu erheblichen Lücken in der humanitären Hilfe. So wurden im Jahr 2025 nur etwas mehr als 41 Prozent der erforderlichen Mittel bereitgestellt. Dabei sind die massiven Kürzungen der humanitären Hilfe durch die USA und viele europäische Länder, deren Auswirkungen erst in diesem Jahr deutlich werden, noch nicht berücksichtigt.

Landesweit waren Notunterkünfte und Non-Food-Artikel der am stärksten unterfinanzierte Bereich. Im letzten Jahr wurden nur etwas mehr als 16 Prozent der erforderlichen Mittel bereitgestellt. Derzeit liegt der Anteil der bisher bereitgestellten notwendigen Finanzierung für das Jahr 2026 bei unter einem Prozent.

Solche Finanzierungslücken bei der humanitären Hilfe führen dazu, dass längerfristige Maßnahmen nach der akuten Phase einer Notsituation oft fehlen. Dazu gehören stabilere Unterkünfte, eine verbesserte Wasser- und Sanitärinfrastruktur sowie Unterstützung beim Wiederaufbau der Lebensgrundlagen, damit die Menschen ihr Leben wieder selbst aufbauen können. Das hat zur Folge, dass die Menschen in Afghanistan in einem Kreislauf von Notlagen gefangen sind und weder für ihre eigene Zukunft planen noch für ihre Familien sorgen können.

„Während Kürzungen der weltweiten Hilfsgelder die Geber zu schwierigen Entscheidungen zwingen, welche Krisen sie unterstützen sollen, werden den Familien ihre Entscheidungsmöglichkeiten genommen. Heute benötigt Afghanistan Hilfe, um den 21,9 Millionen Menschen in Not im ganzen Land zu helfen, darunter Millionen von Menschen, die kürzlich mit nahezu nichts aus Pakistan und dem Iran zurückgekehrt sind“, betont Caridi.

Hinweise für die Redaktionen:

  • Fotos aus Kunar hier sowie B-Roll kann hier kostenlos heruntergeladen werden.
  • Am 31. August 2025 wurde die Provinz Kunar von einem Erdbeben der Stärke 6,0 getroffen, bei dem mehr als 2.150 Menschen starben. Schätzungsweise 499.000 Menschen waren betroffen, davon benötigten 221.000 dringend Hilfe. 186.000 Menschen wurden als bedürftig eingestuft und benötigten Unterkünfte sowie Non-Food-Artikel (NFI) (OCHA). Rund 000 Häuser wurden zerstört (OCHA).
  • Für die Bewältigung der Folgen des Erdbebens wurden 111,5 Millionen US-Dollar (ca. 94,51 Millionen Euro) benötigt (OCHA).
  • Im Jahr 2026 benötigen in ganz Afghanistan 21,9 Millionen Menschen humanitäre Hilfe (OCHA). Insgesamt werden 1,71 Milliarden US-Dollar (ca. 1,45 Milliarden Euro) benötigt, um die Bedürfnisse der 17,5 Millionen Menschen zu decken, die Hilfe erhalten sollen. Bis Mitte Februar wurden jedoch nur 156,6 Millionen US-Dollar (ca. 132, 75 Millionen Euro) und somit 9,1 Prozent der benötigten Summe bereitgestellt (OCHA).
  • Im Jahr 2025 wurden 2,42 Milliarden US-Dollar (ca. 2,05 Milliarden Euro) für humanitäre Hilfe in Afghanistan benötigt. Bis zum Jahresende wurden lediglich 996 Millionen US-Dollar (ca. 844 Millionen Euro) und somit 41,2 Prozent bereitgestellt (OCHA).
  • Für Notunterkünfte und NFI werden im Jahr 2026 160,3 Millionen US-Dollar (ca. 135,87 Millionen Euro) benötigt. Bislang wurden lediglich 1,5 Millionen US-Dollar (ca. 1,27 Millionen Euro) und somit 0,9 Prozent bereitgestellt (OCHA). Im Jahr 2025 wurden 179,1 Millionen US-Dollar (ca. 151,78 Millionen Euro) benötigt, es wurden jedoch nur 29,4 Millionen (16,4 Prozent) bereitgestellt (OCHA). Damit sind Notunterkünfte und NFI in den Jahren 2025 und 2026 der Bereich mit den geringsten Mitteln.
  • Das Shelter Cluster in Afghanistan senkte im Jahr 2026 seine Ziele für Notunterkünfte um 14 Prozent und für NFI-Hilfe und saisonale Winterhilfe um 30 Prozent im Vergleich zu den Zielen für 2025. Diese Anpassung ist auf eine verstärkte Priorisierung zurückzuführen, um den Rückgang der Finanzmittel, der sich auf humanitäre Operationen und Programme auswirkt, realistisch widerzuspiegeln (OCHA).
  • NRC hat Familien in den am stärksten vom Erdbeben betroffenen Gebieten der Provinzen Kunar, Nangarhar und Laghman unterstützt. Mehr als 60.000 Menschen wurden mit Hilfe versorgt, die auf ihre dringenden Bedürfnisse zugeschnitten war. Dazu gehörten der Bau und die Instandsetzung von Wasserversorgungssystemen und Latrinen, die Verteilung von Lebensmittelpaketen, die Bereitstellung von Bargeld, Unterstützung bei der Wintervorbereitung, die Vergabe von Hygienekits und Sets zur Reparatur von Unterkünften sowie Beratungsdienste zum Thema Schutz. Sechs Monate später ist der Bedarf nach wie vor groß. Aufgrund finanzieller Engpässe ist NRC jedoch gezwungen, seine Aktivitäten in der Region einzustellen. Die Organisation unterstützt allerdings weiterhin Vertriebene im ganzen Land mit Wasser- und Sanitärversorgung, Unterkünften, Schutz, Bildung sowie Informationen und Rechtsberatung.

Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an: 

  • Maisam Shafiey, Advocacy and Communication Manager, NRC Norwegian Refugee Council in Afghanistan: maisam.shafiey@nrc.no, +93706453029
  • Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
  • NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329