„2026 ist für Millionen Menschen in akuter Not auf der ganzen Welt, von Venezuela bis zum Sudan, ein entscheidendes Jahr. Familien, deren Leben durch Konflikte zerstört wurde, kämpfen zunehmend ums Überleben. Gewalt und Vertreibung halten unvermindert an, während eine rasant steigende Inflation grundlegende Güter für viele unerschwinglich macht – und das zu einer Zeit, in der die Hilfe aufgrund fehlender Mittel zurückgeht. Wenn die Welt ihren Kurs nicht ändert, werden wir zahlreiche Menschen sterben sehen“, sagte Jan Egeland, Generalsekretär des NRC.
Sechs Monate nach Jahresbeginn sind erst 30 Prozent der benötigten Mittel eingegangen, um die 143 Millionen Menschen zu unterstützen, die im Jahr 2026 Hilfe erhalten sollen. Insgesamt sind weltweit 252 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen.
„Die weltweite Hilfsbereitschaft gegenüber von Konflikten und Katastrophen betroffenen Menschen ist erschreckend gering. Ohne eine drastische Erhöhung der Unterstützung werden zahllose auf Hilfe angewiesene Gemeinschaften in diesem Jahr kaum eine Chance haben, diese zu erhalten. Wir müssen sicherstellen, dass Länder, die Weltraummissionen und Weltmeisterschaften finanzieren können, auch Verantwortung übernehmen und Menschen unterstützen, die Krisen durchleben“, so Egeland.
„Familien, mit denen ich in diesem Jahr im Sudan, im Iran, im Gazastreifen und in der Ukraine gesprochen habe, erzählten mir alle, dass sie sich von der Welt vergessen fühlen. Doch es ist nicht zu spät, das zu ändern.“
Der Rückgang der Finanzierung durch Länder in Nordamerika, Europa und anderen wohlhabenden Staaten trifft bestimmte Regionen besonders hart. Einige der seit Jahren am meisten vernachlässigten Krisen weltweit weisen dramatisch niedrige Finanzierungsstände auf.
Auch Deutschland gehört zu den Ländern, die im vergangenen Jahr die Finanzierung humanitärer Hilfe massiv gekürzt haben. Doch insbesondere in Zeiten wachsender Krisen und großer humanitärer Bedarfe trägt Deutschland eine besondere Verantwortung, dazu beizutragen, dass die grundlegenden Bedürfnisse von Menschen in Not weltweit gedeckt werden. Die Haushaltsentscheidungen des vergangenen Jahres weisen jedoch in eine andere Richtung: Für die Jahre 2025 und 2026 wurden die Mittel für humanitäre Hilfe gegenüber dem Niveau von 2024 um 53 Prozent reduziert. Infolgedessen ist Deutschland auf den sechsten Platz der größten humanitären Geber zurückgefallen. Bemerkenswert ist zudem, dass unter den zehn größten Gebern lediglich die USA einen geringeren Beitrag zur humanitären Hilfe als Deutschland leisteten, gemessen am Anteil des Bruttonationaleinkommens.
Gemäß dem Fair-Share-Modell des Centre for Humanitarian Action müsste die Bundesregierung ihr Finanzierungsniveau auf etwa drei Milliarden Euro erhöhen, um Deutschlands wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und dem globalen humanitären Bedarf angemessen Rechnung zu tragen. Im Vergleich zu anderen Ausgabenbereichen wäre dies ein vergleichsweise geringer Betrag. So belaufen sich die Verteidigungsausgaben Deutschlands im Jahr 2026 auf rund 108 Milliarden Euro.
„Staaten müssen Mittel nach dem Ausmaß des Bedarfs bereitstellen und nicht nach ihren eigenen geopolitischen oder nationalistischen Interessen. Sie dürfen sich nicht nur auf die Krisen konzentrieren, die in den Schlagzeilen stehen. Wir schätzen die Anstrengungen Schwedens, das seine Unterstützung weiterhin an einer objektiven Bedarfsbewertung ausrichtet, und hoffen, dass andere diesem Beispiel folgen“, sagte Egeland.
Die Menschen in Afghanistan, die über viele Jahre hinweg umfassende humanitäre Hilfe und eine groß angelegte, kostspielige Militäroperation des Westens erlebt haben, gehören heute zu den Bevölkerungsgruppen, für die am wenigsten Mittel bereitstehen. Diese Entwicklung hängt auch damit zusammen, dass die USA ihre gesamte humanitäre Unterstützung für das Land eingestellt haben. Bis 2024 hatten die USA mehr als 40 Prozent der gesamten Hilfe für Afghanistan bereitgestellt. Der Rückgang der Finanzierung trifft das Land zu einem Zeitpunkt, an dem 21,9 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen sind und Millionen Menschen aus den Nachbarländern zurückkehren. Lediglich elf Prozent der erwachsenen Rückkehrer sind vollständig erwerbstätig.
„In diesem Jahr steht Afghanistan zum ersten Mal auf „NRCs“ Liste der weltweit am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen. Gleichzeitig erreicht die Finanzierung für das Land einen historischen Tiefstand. Derzeit steht nur jeder sechste US-Dollar zur Verfügung, der für humanitäre Hilfe benötigt wird. Familien berichten uns, dass sie durch den Rückgang der Hilfe ohne überlebenswichtige Unterstützung und ohne Zugang zu selbst grundlegenden Dienstleistungen zurückgelassen wurden. Geber müssen die Warnzeichen ernst nehmen, bevor weitere Millionen Menschen in Hunger und Verzweiflung geraten“, so Egeland.
„Unsere Lebensumstände haben sich in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert. Früher arbeitete mein Mann gelegentlich, und auch humanitäre Organisationen kamen in unsere Gegend, um uns zu unterstützen. Jetzt sehen wir kaum noch etwas von dieser Hilfe. Mein Mann ist arbeitslos und findet an den meisten Tagen keine Arbeit“, sagt Momina, eine 45-jährige Mutter von sechs Kindern aus der afghanischen Provinz Nangarhar.
Unter den humanitären Hilfsplänen mit der geringsten Finanzierung dominieren Länder der zentralen Sahelzone. So gehören Niger, Burkina Faso und Mali zu den fünf Ländern mit den am schlechtesten finanzierten Plänen im Jahr 2026. Millionen Menschen sind dort von Vertreibung, einer sich verschlechternden Schutzlage und dem Verlust grundlegender Versorgungsleistungen bedroht. Neben der katastrophalen Lage bei der humanitären Finanzierung hat die Region auch einen drastischen Rückgang der Entwicklungsfinanzierung erlebt. Dadurch wurden ohnehin fragile Systeme weiter geschwächt und Schulen sowie Gesundheitseinrichtungen können ihre Arbeit nur noch mit Mühe aufrechterhalten.
„Der zentrale Sahel leidet seit viel zu langer Zeit unter chronischer Unterfinanzierung und Vernachlässigung. Humanitäre Hilfe ist zwar unverzichtbar, doch ohne längerfristige Investitionen werden sich die Umstände, die die Menschen zunehmend verwundbar machen – wie der Mangel an Versorgungsleistungen, begrenzte Chancen und zunehmende Vertreibung – nur noch weiter verschärfen. Jetzt zu investieren ist entscheidend, um künftige Krisen zu verringern und das Potenzial der Region freizusetzen. Es ist sowohl eine Notwendigkeit als auch eine Chance für Millionen von Menschen“, sagt Egeland.
„Wir müssen sicherstellen, dass Eltern ihren Kindern Hoffnung und Perspektiven geben können und so den Kreislauf der Vernachlässigung durchbrechen. 2026 darf nicht als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die Welt den Menschen den Rücken gekehrt hat.“
Hinweise für die Redaktionen:
- Im Jahr 2026 benötigen insgesamt 252 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Zur Unterstützung von 143,2 Millionen dieser Menschen wurden insgesamt 33,66 Milliarden US-Dollar beantragt (ca. 29,68 Milliarden Euro) (OCHA). Mit Stand vom 24. Juni wurden 10,23 Milliarden US-Dollar (ca. 9,02 Milliarden Euro) bereitgestellt. Das entspricht 30,4 Prozent des benötigten Betrags (OCHA). Die veranschlagte Summe ist die niedrigste seit 2019.
- Von den 143,2 Millionen Menschen, die mit Hilfe erreicht werden sollen, wurden 88,7 Millionen mit höchster Dringlichkeit priorisiert (OCHA). Um diese Gruppe zu erreichen, werden 24 Milliarden US-Dollar (ca. 21,16 Milliarden Euro) benötigt. Davon wurden bisher 9,83 Milliarden US-Dollar (ca. 8,67 Milliarden Euro) bereitgestellt. Das entspricht 40,1 Prozent (OCHA).
- Die Vereinigten Staaten haben in diesem Jahr bisher 4.873 Millionen US-Dollar (ca. 4,30 Milliarden Euro) an humanitärer Hilfe bereitgestellt. Das ist etwas mehr als ein Drittel dessen, was sie im Jahr 2024 geleistet haben (14.061 Millionen US-Dollar) (ca. 12,40 Milliarden Euro) (OCHA).
- Im Jahr 2024 stellte das Vereinigte Königreich 2,263 Milliarden US-Dollar (ca. 2 Milliarden Euro) bereit, verglichen mit 645,8 Millionen US-Dollar (ca. 569,49 Millionen Euro) zur Mitte des Jahres 2026 (OCHA).
- Die Mittel der deutschen Bundesregierung für humanitäre Hilfe wurden für die Jahre 2025 und 2026 im Vergleich zum Niveau von 2024 um 53 Prozent gekürzt (taz).
- Aufgrund der Entscheidung Deutschlands, humanitäre Hilfe zu kürzen, ist das Land auf den sechsten Platz der größten humanitären Geber zurückgefallen (ALNAP).
- Laut Fair-Share-Modell des Centre for Humanitarian Action müsste Deutschland das Finanzierungsniveau auf etwa drei Milliarden Euro erhöhen (CHA).
- Für das Jahr 2026 sieht Deutschland Verteidigungsausgaben in Höhe von rund 108 Milliarden Euro vor (BMVG).
- Die bislang am geringsten finanzierten humanitären Hilfspläne im Jahr 2026 sind: Jemen, Niger, Burkina Faso, Afghanistan und Mali (OCHA).
- Im Jahr 2026 sind der humanitäre Bedarf und der Hilfsplan für Afghanistan zu 16,9 Prozent finanziert (OCHA).
- Laut der „Returnee Resilience Survey“ der Internationalen Organisation für Migration (IOM) waren 11 Prozent der erwachsenen nach Afghanistan zurückgekehrten Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung und Alleinreisenden, die nach ihrer Rückkehr Zeit mit der Neuansiedlung verbracht hatten, vollbeschäftigt.
- Im Jahr 2026 sind 21,9 Millionen Menschen in Afghanistan auf Hilfe angewiesen. Von ihnen sollen 17,5 Millionen mit humanitärer Hilfe erreicht werden (OCHA).
- Im Jahr 2026 sind die humanitären Hilfspläne für Burkina Faso, Mali und Niger bislang nur zu 15,6 Prozent, 18,4 Prozent und 15 Prozent finanziert, in dieser Reihenfolge (OCHA).
- Alle Angaben zur Finanzierung entsprechen dem Stand vom 24. Juni 2026.
- Der Bericht des NRC zu den am meisten vernachlässigte Vertreibungskrisen für das Jahr 2025 ist hier verfügbar.
Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:
- Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
- NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329
