„Das ist ein Beleg dafür, dass die Welt nicht auf Krisen reagiert, die für reiche Länder nicht als strategisch wichtig erachtet werden“, sagt Jan Egeland, Generalsekretär des NRC. „Millionen von Menschen werden im Stich gelassen, weil wir uns entschieden haben, nicht zu handeln – und das, nicht weil wir es nicht können. Die unbequeme Wahrheit ist, dass diese Vernachlässigung eine bewusste Entscheidung und damit etwas ist, dem wir ein Ende setzen können.“
Im Jahr 2025 wurden lediglich 20 Prozent der für die Bewältigung der Krise in der DR Kongo benötigten Mittel bereitgestellt, was den niedrigsten Wert seit zehn Jahren darstellt. Dadurch erhielten mehr als 21 Millionen Menschen in Not entweder gar keine oder nur stark eingeschränkte Unterstützung. Vor zehn Jahren stellte die internationale Gemeinschaft in der DR Kongo noch 55 US-Dollar (ca. 47 Euro) pro hilfsbedürftiger Person bereit. Inzwischen ist dieser Betrag auf 24 US-Dollar (ca. 20 Euro) eingebrochen.
Auch Länder wie Burkina Faso, Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, Mali und Nigeria standen bereits sechs Mal oder häufiger auf der Liste. Dies weist auf ein systemisches Muster bewusster Vernachlässigung hin und nicht auf einzelne Versäumnisse.
„Den Geberregierungen wurden Jahr für Jahr Belege für diese Vernachlässigung vorgelegt. Dennoch entscheiden sich die politisch Verantwortlichen weiterhin dafür, militärischen und strategischen Investitionen Vorrang einzuräumen, während die Betroffenen dieser Krisen unterfinanziert, nachrangig behandelt und an den Rand gedrängt werden. Das ist ein Versagen unserer Menschlichkeit“, so Egeland.
Der diesjährige Bericht des NRC ist die zehnte Ausgabe zu den am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen und zeigt, dass die Reaktionen auf diese Krisen nach wie vor weit hinter dem Ausmaß des Leids zurückbleiben.
Der Sudan führt die Liste an
Zu den zehn am meisten vernachlässigten Krisen des Jahres 2025 zählen der Sudan, die DR Kongo, Kolumbien, der Jemen, Afghanistan, Honduras, Ecuador, Kamerun, Nigeria und Mosambik. Sie erstrecken sich über drei Kontinente und betreffen viele Millionen Menschen, die von der Welt weiterhin ignoriert werden.
Der Bericht zu den am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen bewertet jede Krise anhand von vier Indikatoren: Medienberichterstattung, Finanzierung, politische Aufmerksamkeit und Ausmaß der Vertreibung. Je niedriger die Punktzahl ausfällt, desto größer ist die Kluft zwischen dem Ausmaß des menschlichen Leids und der Angemessenheit der internationalen Reaktion.
Der Sudan steht in diesem Jahr an der Spitze der Liste. Mehr als neun Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben und bis zu vier Millionen sind in Nachbarländer geflohen. Fast 29 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Doch die internationale Reaktion bleibt angesichts dieses Ausmaßes völlig unzureichend.
„Es ist unbegreiflich, dass sich eine Vertreibungskrise, die in ihrem Ausmaß mit den Krisen in Syrien und der Ukraine auf dem Höhepunkt vergleichbar ist, nahezu unbeachtet weiter verschärfen kann“, sagt Egeland. „Gerade als der Bedarf im Sudan im vergangenen Jahr rasant anstieg und sich die Hungersnot weiter ausbreitete, wurden die Mittel gekürzt. Viele Vertriebene erhalten keinerlei internationale Unterstützung und sind darauf angewiesen, andere Vertriebene um Hilfe zu bitten, die selbst nichts mehr zum Teilen haben.“
Ein Jahrzehnt mit immer gleichem Muster
Seit NRC diesen Bericht vor zehn Jahren erstmals veröffentlicht hat, standen bislang 27 Krisen auf vier Kontinenten auf der Liste und das Muster ist eindeutig. Der afrikanische Kontinent ist dabei am häufigsten vertreten. Von der Sahelzone über das Horn von Afrika und die Region der Großen Seen bis nach Westafrika handelt es sich in vielen Fällen um lang andauernde oder wiederholte Vertreibungen. Hinzu kommt, dass diese Vernachlässigung fast durchgängig mit eingeschränktem Zugang für humanitäre Hilfskräfte einhergeht. Mit wenigen Ausnahmen werden die Krisen, die vor einem Jahrzehnt ignoriert wurden, auch heute noch ignoriert. Der derzeit im Osten der DR Kongo auftretende Ebola-Ausbruch, den die WHO im Mai 2026 zu einem Gesundheitsnotstand von internationaler Tragweite erklärt hat, trifft Gemeinschaften, die bereits durch jahrelange Vertreibung und humanitäre Vernachlässigung schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden.
„Hinter jeder Statistik aus dem Osten der DR Kongo stehen Familien, die seit Jahren Gewalt, wiederholte Vertreibung und tiefe Unsicherheit über ihre Zukunft ertragen müssen“, sagte Eric Batonon, NRC-Landesdirektor in der Demokratischen Republik Kongo.
„Während sich die Aufmerksamkeit von einer globalen Notlage zur nächsten verlagert, leben Millionen Menschen in der DR Kongo weiterhin ohne angemessenen Schutz, Hilfe oder Hoffnung. Die Tatsache, dass die DR Kongo nun schon im zehnten Jahr in Folge zu den weltweit am stärksten vernachlässigten Krisen zählt, sollte der internationalen Gemeinschaft als Weckruf dienen.“
Was NRC fordert
Die Kluft zwischen dem Bedarf und den verfügbaren humanitären Mitteln wächst aufgrund massiver Kürzungen in der humanitären Finanzierung weiter. Besonders stark betroffen sind vernachlässigte Krisen, da sie bereits jetzt durch eine geringere Finanzierung pro hilfsbedürftiger Person gekennzeichnet sind.
NRC fordert die Geberregierungen deshalb nachdrücklich auf, Krisen auf der Grundlage des humanitären Bedarfs und des Ausmaßes der Vertreibung zu finanzieren und nicht aufgrund geopolitischer Interessen. Die Organisation appelliert an politische Entscheidungsträger*innen und Diplomat*innen, sich ernsthaft mit den Ursachen lang anhaltender Vertreibung auseinanderzusetzen. Viele dieser Krisen bestehen gerade deshalb fort, weil ihnen nur eine geringe geopolitische Bedeutung beigemessen wird. Außerdem fordert sie Medienorganisationen auf, über diese Krisen mit der notwendigen Kontinuität und Tiefe zu berichten, die sie als anhaltende Notlagen erfordern.
„Die Krisen, die heute ignoriert werden, werden morgen eine umfangreichere, kostspieligere und komplexere Reaktion erfordern”, sagt Egeland. „Der Welt mangelt es weder an Fähigkeiten noch an Ressourcen. Ob es darum geht, Fußball-Weltmeisterschaften auszurichten oder Pionierarbeit in der Weltraumforschung zu leisten: Unsere Fähigkeit, Herausforderungen zu organisieren und zu bewältigen, ist nahezu grenzenlos. Wir können und müssen endlich die Entscheidung treffen, die Vernachlässigung zu beenden, die Millionen von Menschen so großes Leid verursacht hat.“
Multimedia:
- B-Roll-Material und Fotos aus allen auf der Liste stehenden Ländern stehen hier zum Herunterladen und zur freien Verwendung bereit.
Fakten und Zahlen:
- Jedes Jahr veröffentlicht das NRC eine Liste der zehn am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen der Welt. Ziel ist es, auf die Situation von Menschen aufmerksam zu machen, die nur selten internationale Schlagzeilen machen, keine oder nur unzureichende Unterstützung erhalten und kaum im Mittelpunkt internationaler diplomatischer Bemühungen stehen. Der Bericht ist hier verfügbar.
- Die Liste der vernachlässigten Vertreibungskrisen für das Jahr 2025 analysiert 35 Vertreibungskrisen anhand folgender vier Kriterien: fehlende Finanzierung, mangelnde Medienaufmerksamkeit, das Fehlen wirksamer internationaler politischer und diplomatischer Initiativen sowie das Ausmaß der Vertreibung. Ausführliche Informationen zur Methodik sind hier einsehbar.
- Die vollständige Liste in der diesjährigen Reihenfolge lautet: Sudan, DR Kongo, Kolumbien, Jemen, Afghanistan, Honduras, Ecuador, Kamerun, Nigeria und Mosambik.
- Im vergangenen Jahr stellte die internationale Gemeinschaft im Rahmen der humanitären Hilfsappelle für die zehn am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen durchschnittlich weniger als 40 US-Dollar (ca. 34 Euro) pro hilfsbedürftiger Person bereit, verglichen mit mehr als 52 US-Dollar (ca. 45 Euro) pro Person im Rahmen aller humanitären Hilfsappelle weltweit (Global Humanitarian Overview 2025, OCHA FTS). Vor zehn Jahren lagen die vergleichbaren Werte bei durchschnittlich 84,5 US-Dollar (ca. 73 Euro) pro Person in den zehn am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen, verglichen mit 94,5 US-Dollar (ca. 81 Euro) pro Person im Rahmen aller humanitären Hilfsappelle weltweit (OCHA FTS, Global Humanitarian Overview 2016).
- Mehr als neun Millionen Menschen sind innerhalb des Sudan auf der Flucht, weitere vier Millionen sind in Nachbarländer geflohen (IOM; UNHCR), während 28,9 Millionen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sind – darunter über 755.000 Menschen, die unter katastrophalen Hungerbedingungen leiden (Sudan Food Security Cluster; IPC).
- Im Jahr 2025 wurden lediglich 20 Prozent der für die Bewältigung der Krise in der DR Kongo benötigten Mittel bereitgestellt (UN OCHA), gegenüber bis zu 60 Prozent im Jahr 2016 (UN OCHA).
- DR Kongo ist seit der ersten Veröffentlichung dieser Liste im Jahr 2016 jedes Jahr darauf vertreten. Das Land führte die Liste dreimal an, jeweils 2017, 2020 und 2021. Es rangierte 2016, 2018, 2019, 2022 und 2025 auf Platz 2, 2023 auf Platz 3 und 2024 auf Platz 8.
- Kamerun steht seit 2018 acht Jahre in Folge auf der Liste. Das Land führte sie 2018, 2019 und 2024 an, stand 2020 und 2023 auf Platz 2, 2021 auf Platz 3 sowie 2022 und 2025 auf Platz 8.
- Mali erschien in sieben aufeinanderfolgenden Jahren auf der Liste (2018–2024). Das Land rangierte 2023 auf Platz 4, 2024 auf Platz 5, 2019 und 2021 auf Platz 6, 2018 und 2022 auf Platz 7 sowie 2020 auf Platz 10.
- Burkina Faso war von 2019 bis 2024 sechs Jahre in Folge auf der Liste vertreten. Das Land rangierte 2024 auf Platz 4, führte die Liste 2022 und 2023 an, stand 2021 auf Platz 2, 2019 auf Platz 3 und 2020 auf Platz 7. Nigeria erschien insgesamt sechsmal auf der Liste: 2016 auf Platz 5, 2020 auf Platz 6, 2019 und 2021 auf Platz 8, 2025 auf Platz 9 und 2017 auf Platz 10.
- Die Zentralafrikanische Republik stand sechsmal auf der Liste. Sie führte sie 2016 an, stand 2017 und 2018 auf Platz 3, 2019 und 2020 auf Platz 9 sowie 2023 auf Platz 8.
- Der Jemen erscheint zum dritten Mal, dieses Jahr auf Platz 4, nachdem er 2016 und 2017 jeweils den 6. und 8. Platz eingenommen hatte.
- Mosambik erscheint zum zweiten Mal in Folge auf dieser Liste, 2024 auf Platz 3 und 2025 auf Platz 10.
- Weltweit wurden im Jahr 2025 nur 15,95 Milliarden US-Dollar (ca. 13,7 Milliarden Euro) an Finanzmitteln bereitgestellt, während der Gesamtbedarf bei 45,47 (ca. 39,1 Milliarden Euro) Milliarden US-Dollar lag. Damit entstand eine weltweite Finanzierungslücke von 29,5 Milliarden US-Dollar (ca. 25,3 Milliarden Euro) (64,9 %) (UN OCHA).
- Die gesamten Militärausgaben für das Jahr 2025 beliefen sich auf 2,63 Billionen US-Dollar (ca. 2,26 Billionen Euro), was etwa 7,2 Milliarden US-Dollar (ca. 6,2 Milliarden Euro) pro Tag entspricht (IISS). Gemessen an der globalen humanitären Finanzierungslücke von 29,5 Milliarden US-Dollar (ca. 25,3 Milliarden Euro) entspricht dies 4,1 Tagen oder 1,12 Prozent der weltweiten Militärausgaben im Jahr 2025.
- Nach einer 90-tägigen Aussetzung von Hilfszahlungen und anschließenden gesetzgeberischen Maßnahmen zu Beginn des Jahres 2025 kürzten die USA ihre öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA) von rund 63 Milliarden US-Dollar (ca. 54,1 Milliarden Euro) im Jahr 2024 auf knapp unter 29 Milliarden US-Dollar (ca. 24,9 Milliarden Euro) im Jahr 2025. Dazu gehörte auch eine Kürzung der US-Zusage für den Global Fund von 6 (ca. 5,2 Milliarden Euro) auf 4,6 Milliarden US-Dollar (ca. 4,0 Milliarden Euro) (Al Jazeera; Devex).
- Die britische Regierung bestätigte, die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit bis 2027 von 0,5 auf 0,3 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) zu senken. Das entspricht einer Kürzung um fast 40 Prozent. Die frei werdenden Mittel sollen in die Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) umgeleitet werden (Center for Global Development; Development Aid; Bond).
- Deutschland halbierte im Haushalt für das Jahr 2025 die Mittel für humanitäre Nothilfe und kürzte den Gesamtetat für internationale Entwicklungszusammenarbeit um rund acht Prozent (DW News; Donor Tracker; Welthungerhilfe).
- Die französische Regierung kündigte für das Jahr 2026 eine Kürzung der öffentlichen Entwicklungshilfe auf 3,7 Milliarden Euro an. Dies entspricht einer Reduzierung um 700 Millionen Euro gegenüber früheren Prognosen, um das Haushaltsdefizit zu verringern (Focus 2030; Donor Tracker).
- Die niederländische Regierung kündigte eine Kürzung der Entwicklungshilfe um 2,4 Milliarden Euro ab 2027 an (Donor Tracker).
- Die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) der OECD-Geberländer sank im Jahr 2025 um 23,1 Prozent – der größte Rückgang innerhalb eines Jahres seit Beginn der Aufzeichnungen (OECD).
Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:
- Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
- NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329
