Da es an Hilfe für Unterkünfte mangelt, sind Familien im Gazastreifen gezwungen, in schwer beschädigten und gefährlichen Gebäuden zu leben. Foto: Mohammed Ellouh/NRC

Gaza: 94 Prozent der Haushalte benötigen Unterstützung bei der Unterbringung

Laut einem neuen Bericht  des Shelter Clusters, das vom Norwegian Refugee Council (NRC) geleitet wird, sind 1,98 Millionen Palästinenser*innen im Gazastreifen – das sind 94 Prozent der Bevölkerung – auf Unterstützung bei der Unterbringung und grundlegende Hilfe für den Haushalt angewiesen.
Pressemitteilung
Mittlerer Osten Palästina
Veröffentlicht 20. Aug. 2026

Der Bericht deckt eine umfassende Wohnungskrise auf, die weit über bloße Sachschäden hinausgeht. Laut der Einstufung des Schweregrads sind mehr als vier von fünf Haushalten in ihrer derzeitigen Unterkunft mit kritischen oder gar katastrophalen Lebensbedingungen konfrontiert. Dies spiegelt gravierende Lücken bei den Bedingungen und Mitteln wider, die Familien benötigen, um sicher und in Würde zu leben. Dazu gehören beispielsweise Brennstoff, Energie und unverzichtbare Haushaltsgegenstände. Diese Einschränkungen beeinträchtigen grundlegende Alltagsaktivitäten wie Schlafen, Kochen, Waschen, die Lagerung von Lebensmitteln und Wasser, eine angemessene Beleuchtung sowie den Umgang mit Hitze und Kälte.

„Eine Unterkunft mit Wänden und einem Dach allein reicht nicht aus“, sagte Jehan Salim, die National Shelter Cluster Koordinatorin. „Familien müssen darin schlafen, kochen, sich waschen und ihre Kinder in Sicherheit bringen können. Zehn Monate nach dem Waffenstillstand vom Oktober 2025 leben die meisten Familien bereits seit über einem Jahr in Unterkünften, die nie für einen langfristigen Verbleib vorgesehen waren. Die für die Reparatur von Häusern, die Wiederherstellung grundlegender Versorgungsleistungen und die Bereitstellung besserer Unterkünfte benötigten Materialien gelangen immer noch nicht annähernd in dem erforderlichen Umfang nach Gaza.“

Im Monat vor der Datenerhebung im Juni 2026 erhielt nur einer von zehn Haushalten eine Unterkunft oder grundlegende Haushaltshilfe. Zu diesem Zeitpunkt waren die Vorräte an Zelten, Decken und Matratzen in Gaza fast aufgebraucht. Beschränkungen bei der Einfuhr von Materialien und Ausrüstung für Unterkünfte sowie Finanzierungslücken führten dazu, dass die Hilfe den Bedarf bei Weitem nicht deckte.

Fast zwei Drittel der Haushalte lebten in Zelten oder provisorischen Unterkünften, die nicht für eine langfristige Nutzung vorgesehen sind. Mehr als die Hälfte dieser Haushalte nutzte dasselbe Zelt bereits seit über einem Jahr, während mehr als die Hälfte der untersuchten Zelte und provisorischen Unterkünfte in schlechtem oder sehr schlechtem Zustand war. Aufgrund erheblicher Schäden an Fußböden, Wänden und Rahmen lebten mehr als 100.000 Haushalte in Unterkünften, die eine ernsthafte Gefahr für ihre Gesundheit, Sicherheit und Würde darstellten.

Die Gefahren gehen über die Unterkunft selbst hinaus. 98 Prozent der Haushalte gaben an, dass sich im Umkreis von zehn Metern um ihren Wohnort mindestens eine Gefahrenquelle befand, darunter Nagetiere, streunende Hunde, Festmüll, Schutt oder Abwasser. In 89 Prozent der Unterkünfte wurden Nagetiere gemeldet. Zudem waren 71 Prozent der Haushalte aller Unterkunftstypen – darunter Zelte, Notunterkünfte und sogar Wohngebäude – seit Beginn des Winters 2025/26 von Überschwemmungen betroffen. Da ein weiterer Winter bevorsteht, sind die Familien unter diesen Bedingungen Regen, Kälte und Überschwemmungen gefährlich ausgesetzt.

Das Shelter Cluster fordert die Geberländer deshalb auf, Israel dazu zu drängen, die Einfuhrbeschränkungen für Zelte, Reparatur- und Baumaterialien, Treibstoff, Solaranlagen, Vorrichtungen zur Wasserspeicherung sowie Maschinen zur Trümmerbeseitigung aufzuheben und Finanzmittel bereitzustellen, die dem Ausmaß und der Schwere der Krise entsprechen.

Hinweise für die Redaktionen:

  • Der neue Bericht des Shelter Clusters, Exposed on All Sides, kann hier heruntergeladen werden.
  • Fotos und Videos stehen hier und hier zur freien Verwendung zur Verfügung
  • Das Palestine Shelter Cluster koordiniert humanitäre Organisationen, die sich um die Unterbringungsbedürfnisse in Gaza und im Westjordanland kümmern. Geleitet wird er vom NRC, während die Internationale Organisation für Migration eine Mitkoordinierung übernimmt.
  • Die Erhebung stützt sich auf 1.951 Haushaltsbefragungen, die zwischen dem 14. und 28. Juni 2026 in zugänglichen Gebieten im Norden des Gazastreifens, in Gaza-Stadt, Deir al-Balah und Khan Younis durchgeführt wurden. Rafah und andere unzugängliche oder unsichere Gebiete wurden dabei nicht berücksichtigt.
  • Bei der Erhebung kam eine geschichtete, wahrscheinlichkeitsbasierte Stichprobenmethode zum Einsatz, wodurch eine geschätzte Gesamtfehlerquote von ±2,4 Prozentpunkten bei einem Konfidenzniveau von 95 Prozent erreicht wurde.
  • Das Bewertungsschema stufte jede Antwort nach fünf Schweregraden ein. Diese Definitionen bildeten die gemeinsame Grundlage für die Überprüfung und Validierung der Bewertungen: Minimal (1), Belastet (2), Notlage (3), Kritisch (4) und Katastrophal (5).
  • Die Auswertung, dass mehr als vier von fünf Haushalten unter kritischen oder katastrophalen Lebensbedingungen leiden, bezieht sich auf den Bereich „Lebensbedingungen” der Erhebung. Dieser misst die Fähigkeit der Haushalte, wesentliche Alltagsaktivitäten sicher und in Würde auszuführen.
  • Weitere Ergebnisse der Auswertung:
    • 71 Prozent der Haushalte berichteten von Schlafproblemen.
    • 64 Prozent der Haushalte konnten nicht ausreichend Lebensmittel und Wasser lagern.
    • 61 Prozent verfügten nicht über genügend Hygieneartikel.
    • Haushalte bestehend aus sieben oder mehr Personen sowie Haushalte mit einer Person mit Behinderung hatten jeweils etwa doppelt so häufig einen akuten Bedarf an Unterkünften.

Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an: 

  • Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
  • NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329