In ganz Gaza leben rund 170.000 Haushalte – fast eine Million Menschen – in Zelten. Weitere 5.000 Haushalte schlafen im Freien und 52.000 Haushalte leben in überfüllten Notunterkünften. In diesem Monat fehlen 850.000 Menschen noch immer Materialien für Notunterkünfte, darunter Plastikplanen, Sperrholz und Seile. Diese Zahlen deuten auf eine Unterkunftskrise hin, die nicht durch das Wetter, sondern durch Zerstörung, Vertreibung und blockierte Hilfe verursacht wird.
Die Sommerhitze wird die Risiken für Familien weiter verschärfen. Im wärmsten Monat erreichen die Tagestemperaturen 34,5 °C und die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen von 35 °C oder mehr wird voraussichtlich steigen.
„Die Familien in Gaza sind nicht mit einer Naturkatastrophe konfrontiert. Sie werden gezwungen, lebensgefährliche Hitze in Notunterkünften zu ertragen, die nie dafür ausgelegt waren, Menschen über längere Zeit oder bei hohen Temperaturen Schutz zu bieten. Einfache Maßnahmen wie Schatten, Belüftung und grundlegende Verbesserungen an Unterkünften können Risiken erheblich verringern und die Lebensbedingungen verbessern. Doch diese Möglichkeiten gibt es derzeit innerhalb Gazas nicht, und die dafür notwendigen Materialien dürfen gezielt nicht eingeführt werden“, sagte Jehan Salim, Koordinatorin des Shelter Clusters.
Ohne diese Materialien werden vermeidbare Risiken weiter zunehmen. Kinder, ältere Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen sind einem erhöhten Risiko für Hitzestress, Dehydrierung, Atembeschwerden und Krankheiten ausgesetzt. Frauen und Mädchen sind in überfüllten Unterkünften besonders gefährdet, wenn schlechte Beleuchtung, fehlende Privatsphäre und unsichere Sanitärbedingungen Angst und Schutzlosigkeit verstärken.
„Es ist erschütternd, dass Familien in Gaza nach Monaten der Vertreibung und des Verlusts nun die Sommerhitze in provisorischen Zelten ertragen müssen, weil Israel weiterhin die Einfuhr von Materialien für Notunterkünfte beschränkt“, sagt Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegian Refugee Council (NRC). „Das Shelter Cluster und seine Partner verfügen über das Fachwissen und die Kapazitäten, um Palästinenser*innen dabei zu unterstützen, sicherere und würdevollere Unterkünfte zu schaffen. Doch Fachwissen kann Materialien nicht ersetzen. Israel muss unverzüglich die Einfuhr von Unterkunftsmaterialien nach Gaza zulassen, damit unsere Partner Familien dabei unterstützen können, sich vor Hitze, Witterung und weiterem Leid zu schützen.“
Die Militäroperationen Israels haben 76,6 Prozent des Wohnungsbestands im Gazastreifen zerstört oder beschädigt, Familien immer wieder vertrieben und ganze Gemeinschaften ohne sicheren Zufluchtsort zurückgelassen.
Familien benötigen geeignete Zelte und grundlegende Materialien für ihre Unterkünfte, darunter Abdeckplanen, Schattennetze, Plastikfolien und einfaches Werkzeug für Reparaturen. Diese Materialien werden Gaza nicht wieder aufbauen. Sie können jedoch den entscheidenden Unterschied zwischen einem Zelt, in dem sich Hitze, Rauch und Staub stauen und Krankheiten sich ausbreiten können, und einer Unterkunft, die einer Familie Schatten, Luftzirkulation, Privatsphäre und ein gewisses Maß an Schutz bietet, ausmachen.
„Ich konnte es nicht ertragen, von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends im Zelt zu sein, denn sobald die Sonne aufgeht, breiten sich Ameisen, Fliegen und andere Insekten darin aus und die Hitze steigt rasant an “, berichtet ein 44-jähriger Ehemann und Vater von drei Kindern aus Deir al-Balah. „Meine Frau und meine Kinder erlitten Verbrennungen im Gesicht.“
Das Shelter Cluster fordert eine schnelle, planbare und kontinuierliche Einfuhr von Unterkunftsmaterialien über alle verfügbaren Grenzübergänge sowie dringende Unterstützung durch Geber für Haushaltsartikel, die im Sommer besonders benötigt werden. Dazu gehören Schlafbedarf, Kleidung, solarbetriebene Ventilatoren, Beleuchtung und sichere Aufbewahrungsmöglichkeiten. Hierzu zählen 64.000 Zelte, 73.000 Sets zum Abdichten beschädigter Gebäude und 2.000 Notunterkunftssets, die trotz genehmigter Einfuhr weiterhin an der Grenze festsitzen.
„Dieser Sommer muss nicht noch mehr Menschenleben und Würde kosten“, so Salim. „Die Lösungen sind bekannt, die Kapazitäten für Hilfsmaßnahmen sind vorhanden und die Partner sind bereit zu handeln. Was jetzt gebraucht wird, ist die nachhaltige Einfuhr von Unterkunftsmaterialien, damit Familien weniger der Hitze, Witterungseinflüssen und weiteren Gefahren ausgeliefert sind.“
Hinweise für die Redaktionen:
- Fotos aus Gaza können hier zur freien Verwendung heruntergeladen werden.
- Das Norwegian Refugee Council leitet das Shelter Cluster in Palästina, der humanitäre Akteure im Bereich Unterkunft koordiniert, welche auf den Bedarf an Notunterkünften in Gaza und im Westjordanland reagieren
- Das Shelter Cluster nennt folgende zentrale Risiken für Unterkünfte im Sommer in Gaza: Hitzestress, Dehydrierung, Überbelegung, schlechte Belüftung, Verfall der Unterkünfte, Schädlingsbefall, Staubbelastung, Brandgefahren, Gesundheitsrisiken im Bereich sauberes Wasser sowie weitere Einschränkungen menschenwürdiger Lebensbedingungen.
- Unter Berufung auf Daten des Site Management Clusters berichtet das Shelter Cluster, dass 170.000 Haushalte in Zelten leben, 58.000 Haushalte auf Notunterkunftssets oder verteilte Hilfsgüter angewiesen sind, 30.000 Haushalte in Unterkünften aus lokal verfügbaren Materialien leben, 5.000 Haushalte im Freien schlafen und 52.000 Haushalte in überfüllten Unterkünften leben.
- Die Angabe von fast einer Million Menschen beruht auf der Annahme des Shelter Clusters, dass ein Haushalt durchschnittlich 5,8 Personen umfasst. Auf die 170.000 Haushalte, die in Zelten leben, bezogen, ergibt sich daraus ein Richtwert von rund 986.000 Menschen.
- Laut dem Red Cross Red Crescent Climate Centre erreichen die durchschnittlichen Tagestemperaturen in Palästina im wärmsten Monat 34,5 °C. Das Zentrum warnt, dass die Zahl der heißen Tage mit Temperaturen über 35 °C in den kommenden Jahrzehnten stark steigen könnte.
- Nach Angaben der Vereinten Nationen lebten Ende Mai rund 1,7 Millionen Menschen in etwa 1.600 Notunterkünften, wobei 88 Prozent in provisorischen Unterkünften untergebracht waren. Nach Angaben der Vereinten Nationen benötigten Anfang Juni 850.000 Menschen Hilfsgüter für Notunterkünfte.
- Das von den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und der Weltbank erstellte Gaza Strip Rapid Damage and Needs Assessment kam zu dem Ergebnis, dass im Oktober 2025 76,6 Prozent der Wohneinheiten im Gazastreifen zerstört oder beschädigt waren. Insgesamt waren dies 371.888 von 485.361 Wohneinheiten.
- Nach Angaben der Vereinten Nationen waren die Bestände an Unterkunftsmaterialien und grundlegenden Hilfsgütern bis zum 5. Juni nahezu aufgebraucht. Auch die Zugangsbeschränkungen haben sich im Berichtszeitraum verschärft. Zikim ist seit dem 24. Mai geschlossen und Kerem Shalom war am 4. Juni der einzige Landübergang für genehmigte Fracht. Zwischen dem 25. und 31. Mai gelangten lediglich 49 Lastwagenladungen des Privatsektors mit Unterkunftsmaterialien nach Gaza.
- Laut dem Mechanismus 2720 der Vereinten Nationen vom 2. Juni befinden sich an den Übergängen weiterhin große Mengen an Hilfsgütern für Unterkünfte, obwohl deren Einfuhr bereits genehmigt wurde. Dazu zählen unter anderem 64.000 Zelte, 73.000 Sealing-Off-Kits (SOKs) und 2.000 Notunterkunfts-Kits mit genehmigten Holzkomponenten. Darüber hinaus warten mehr als sechs Millionen Non-Food-Artikel auf ihre Einfuhr.
Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:
- Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
- NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329
