Ein zerstörtes Gebäude in Tyros im Südlibanon nach einem israelischen Luftangriff am 11. März 2026. Foto: NRC

Iran: Ein Monat Krieg verstärkt die Unsicherheit für Millionen Menschen

Stellungnahme von Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegian Refugee Council (NRC), zum einmonatigen Krieg im Iran:
Pressemitteilung
Veröffentlicht 27. März 2026

„Nach einem Monat unerbittlicher israelischer und amerikanischer Bombardements im gesamten Iran ist die Zivilbevölkerung erschöpft und traumatisiert. Millionen sind bereits auf der Suche nach Sicherheit geflohen. Andere bleiben aus Angst, dass eine Flucht noch gefährlicher wäre, da es nirgendwo wirklich sicher scheint. Im gesamten Nahen Osten wurden durch Angriffe der USA, Israels und des Iran 2.700 Menschen getötet, mehr als die Hälfte davon im Iran. Die Zivilbevölkerung zahlt den höchsten Preis für diesen Krieg. Er muss enden.

Unzählige Häuser, Krankenhäuser und Schulen wurden beschädigt oder gar zerstört. Meine Kolleg*innen berichten mir, dass in fast jedem Stadtteil Teherans Gebäude beschädigt wurden und es in der Umgebung zu weitreichenden Zerstörungen gekommen ist. Verzweifelte Familien versiegeln ihre Fenster mit Klebeband, um sich vor Glassplittern zu schützen, durch die bereits zu viele Zivilist*innen verletzt wurden. Ohne Internet und mit stark beeinträchtigten Bankdienstleistungen wird das tägliche Leben immer schwieriger.

Meine NRC-Kolleg*innen im Iran arbeiten unter extrem schwierigen und gefährlichen Bedingungen daran, unsere Hilfe für die durch den Krieg vertriebenen Familien auszuweiten. Jede Nacht liegen sie wach, lauschen den Explosionen und fürchten um ihr Leben. Jeden Morgen kehren sie zur Arbeit zurück und setzen alles daran, Familien in größter Not zu helfen.

Zu den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen gehören die mehr als vier Millionen Afghan*innen im Iran. Mit dem Zusammenbruch der informellen Arbeit haben viele afghanische Familien ihre einzige Einkommensquelle verloren. Die überwiegende Mehrheit von ihnen lebt in Städten, die unter schwerem Beschuss stehen. Viele Afghan*innen können nicht fliehen, da ihnen entweder ein sicherer Ort als Zuflucht oder die Erlaubnis hierfür fehlt. Seit Kriegsbeginn haben mehr als 35.000 Afghan*innen die Reise vom Iran zurück nach Afghanistan angetreten. Mehr als eine Million von ihnen sind nach wie vor von einer Abschiebung nach Afghanistan bedroht – in ein Land, welches sie nicht aufnehmen kann.

Jede Woche werden Milliarden von Dollar für diesen Krieg ausgegeben, doch unsere lebenswichtige humanitäre Hilfe in Afghanistan sowie im Iran leidet unter massiven Finanzierungslücken. Organisationen fehlen die Mittel, um zu verhindern, dass Menschen hungern müssen oder um Obdachlosen Notunterkünfte zur Verfügung zu stellen. Wir fordern die Geber daher dringend auf, ihre Unterstützung jetzt zu verstärken, um weiteres Leid zu verhindern.

Wenn dieser Krieg andauert, riskieren wir eine weitaus größere humanitäre Katastrophe. Millionen Menschen könnten gezwungen sein, über die Grenzen zu fliehen, was einen immensen Druck auf eine ohnehin schon überlastete Region ausüben würde.

Der Krieg stürzt unschuldige Menschen in vermeidbares Leid, für das sie keine Verantwortung tragen. Alle Konfliktparteien müssen das humanitäre Völkerrecht achten, Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Infrastruktur im gesamten Nahen Osten einstellen und auf eine diplomatische Lösung dieser Krise hinarbeiten.“

Hinweise für die Redaktionen::

  • Mehr als 3,2 Millionen Menschen sind im Iran auf der Flucht und verlassen insbesondere die großen Ballungszentren (UNHCR)
  • Das iranische Gesundheitsministerium berichtet, dass zwischen dem 28. Februar und dem 25. März im Iran 1.500 Menschen getötet und 18.551 verletzt wurden (Al Jazeera).
  • Bis zum 25. März wurden im Iran, Irak, Libanon, Palästina, Syrien, Jordanien, Israel, Kuwait, Bahrain, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien insgesamt 2.698 Menschen getötet (Al Jazeera).
  • Aus mindestens 20 Provinzen wurden zivile Opfer und Schäden an ziviler Infrastruktur gemeldet (OCHA).
  • Die iranische Regierung gibt an, dass bei Angriffen über 81.000 zivile Einrichtungen beschädigt wurden, darunter 61.000 Wohnhäuser, 19.000 Gewerbeeinrichtungen, 275 medizinische Zentren und nahezu 500 Schulen (Government of Iran).
  • Derzeit leben mehr als 4,4 Millionen Afghan*innen im Iran, von denen 1,4 Millionen keine Papiere besitzen (UNHCR).
  • 78 Prozent der afghanischen Bevölkerung leben in städtischen Gebieten des Iran (ACAPS).
  • Zwischen dem 28. Februar und dem 21. März sind 35.000 Menschen aus dem Iran nach Afghanistan gekommen (UNHCR).
  • Der iranische Hilfsplan sieht 80 Millionen US-Dollar (ca. 69,27 Millionen Euro) vor, um 2,8 Millionen von der Krise betroffene Menschen im Land zu unterstützen, darunter sowohl Flüchtlinge als auch Aufnahmegemeinschaften (UNHCR).
  • Für Afghanistan werden insgesamt 1,71 Milliarden US-Dollar (ca. 1,48 Milliarden Euro) benötigt, um den Bedarf von 17,5 Millionen Menschen zu decken. Bis Ende März wurden lediglich 188,1 Millionen US-Dollar (ca. 162,9 Millionen Euro), das entspricht 11 Prozent, bereitgestellt (OCHA).
  • NRC ist seit 2012 im Iran tätig. Im Jahr 2025 leistete die Organisation Hilfe für fast 115.000 Afghan*innen und Personen aus Aufnahmegemeinschaften in elf Provinzen. NRC hat sich zum Ziel gesetzt, 50.000 von der Krise betroffene Iraner*innen und Afghan*innen in neun Provinzen zu unterstützen. Im Vordergrund stehen dabei Bargeldhilfen, Bildungsangebote, Schutz und Rechtsberatung sowie eine integrierte Wasser- und Sanitärversorgung und Unterstützung bei der Unterbringung. So soll sichergestellt werden, dass schutzbedürftige Gemeinschaften ihre dringendsten Bedürfnisse decken können.

Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an: 

  • Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
  • NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329