Die zunehmend eingekesselte Stadt ist wiederholt Drohnenangriffen ausgesetzt. Gleichzeitig wächst die Angst vor einem groß angelegten Angriff der Rapid Support Forces (RSF). Bereits vor zwei Wochen hatten das Norwegian Refugee Council (NRC) und seine Partner davor gewarnt, dass ein solcher Vorstoß zu schweren Gräueltaten führen könnte. Laut Berichten aus der Region erleben inzwischen viele Familien, die sich noch in der Stadt befinden, diesen Albtraum.
„In El Obeid hungern Familien und müssen gleichzeitig wahllosen Angriffen ausweichen, nur um am Leben zu bleiben“, erklärt Jan Egeland, Generalsekretär des NRC. „Die Welt wurde vor dieser Krise gewarnt und hat sie dennoch zugelassen.“
Laut Angaben der Vereinten Nationen wurden im Juni innerhalb von nur drei Wochen mindestens 45 Zivilist*innen in der Stadt getötet. Dabei wurden Märkte, Schulen, Tankstellen, die Wasserinfrastruktur und Fahrzeuge durch wiederholte Drohnenangriffe getroffen. Erst letzte Woche wurde ein Hilfskonvoi auf dem Weg in die Stadt angegriffen. In einigen Gebieten haben die Familien seit Monaten keine Hilfe mehr erhalten, wie lokale Partner berichten.
NRC fordert den sofortigen Schutz von Zivilist*innen, Hilfskräften und lokalen Einsatzkräften in und um El Obeid, einschließlich konkreter Maßnahmen zur Beendigung von Angriffen auf Krankenhäuser, Schulen, Märkte sowie die Wasser-, Strom- und Kraftstoffinfrastruktur. Notfallfinanzierung und ungehinderter humanitärer Zugang zu El Obeid und den Kordofan-Provinzen sind dringend erforderlich.
Die Krise trifft die grundlegendsten Bereiche des täglichen Lebens. Da die Wasserversorgung ausgefallen ist, müssen Familien stundenlang Schlange stehen, um Wasser zu erhalten, das häufig nicht trinkbar ist. Sobald sie es nach Hause gebracht haben, müssen sie entscheiden, ob sie es zum Trinken, Kochen oder Waschen verwenden. Mit Beginn der Regenzeit steigt zudem das Risiko, an Cholera oder anderen durch Wasser übertragenen Krankheiten zu erkranken.
Viele Familien sind gezwungen, Mehl mit Wasser zu vermischen, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Andere Lebensmittel stehen kaum noch zur Verfügung und die stark gestiegenen Preise können sie sich nicht leisten.
Trotz der anhaltenden Gewalt bleiben die Schulen geöffnet, um den Kindern ein Gefühl der Normalität zu vermitteln. Doch jede Woche zwingen zahlreiche Angriffe NRC und seine Partner dazu, den Unterricht an manchen Tagen auszusetzen. In einigen Klassenzimmern haben sich die Spiele der Kinder in Nachstellungen von Granatenbeschuss verwandelt. Viele von ihnen können Waffen mittlerweile allein anhand ihrer Geräusche benennen.
„Kinder gehen ohne Wasser, ohne Strom und ohne Essen zur Schule, in Gebäuden, die sie nicht vor Angriffen von oben schützen können”, sagt Egeland. „Manchmal liefern lokale Hilfskräfte die Hilfsgüter nachts aus, weil es bei Tageslicht gefährlicher geworden ist als in der Dunkelheit.“
Da Tankstellen angegriffen oder geschlossen wurden und Fahrzeuge auf den Straßen ins Visier geraten, sind die Transportkosten stark gestiegen. Mitarbeitende des NRC berichten, dass ein Liter Kraftstoff inzwischen mehr kostet als das Monatsgehalt einer Lehrkraft. Einige Familien verkaufen deshalb ihre Habseligkeiten, um überhaupt fliehen zu können, doch die meisten können sich das nicht leisten.
Viele Menschen, die bereits aus der Stadt vertrieben wurden und vor dem Schrecken in El Fasher sowie anderen verwüsteten Gebieten entkommen konnten, haben inzwischen keinen sicheren Ort mehr. Zugleich kommen immer mehr Familien hinzu, die rund um die Stadt vor der Gewalt fliehen. Sie laufen nun Gefahr, genau jene Schrecken zu erleben, vor denen sie geflohen sind.
„Die während dieses Krieges begangenen Gräueltaten lassen keinen Zweifel daran, was auf dem Spiel steht. Die internationale Gemeinschaft muss nun maximalen Druck auf die Kriegsparteien und diejenigen ausüben, die Einfluss auf sie haben. Die Geschichte wird nicht nur diejenigen beurteilen, die diese Verbrechen begangen haben, sondern auch diejenigen, die die Macht hatten, zu ihrer Verhinderung beizutragen, und es versäumt haben, zu handeln“, sagt Egeland.
Hinweise für die Redaktionen:
- El Obeid, die Hauptstadt von Nord-Kordofan, beherbergt laut Angaben der Vereinten Nationen rund eine halbe Million Menschen, darunter über 80.000 Vertriebene, die vor der Gewalt in anderen Teilen des Sudan geflohen sind. Hinzu kommen Neuankömmlinge aus Süd- und West-Kordofan (IOM). Laut lokalen Berichten könnte die tatsächliche Zahl mittlerweile deutlich höher liegen, da die Zuwanderung in die Stadt anhält.
- NRC und seine Partner warnten am 20. Juni, dass auf den Bodenangriff auf die Stadt Gräueltaten folgen könnten (NGO Forum).
- In nur drei Wochen im Juni wurden in El Obeid mindestens 45 Zivilist*innen getötet (UN).
- Erst vergangene Woche wurde ein Hilfskonvoi auf dem Weg in die Stadt von einem Drohnenangriff getroffen (UNHCR).
- Seit Anfang 2026 hat NRC in El Obeid 13.500 Menschen mit Bargeldhilfe unterstützt. Kürzlich wurden zudem über 7.500 Menschen von NRC mit Notfallsets versorgt, die Decken, Plastikplanen, Schlafmatten, Kanister und Solarlampen enthielten. Weitere 1.500 Familien erhielten Hygiene-Sets.
- NRC unterstützt fünf Lernzentren in der Stadt und hilft so über 5.000 Kindern, versäumten Unterrichtsstoff nachzuholen und wieder in den regulären Schulbetrieb zurückzukehren. Zudem leistet die Organisation psychosoziale Unterstützung, um den Kindern bei der Bewältigung ihrer Traumata zu helfen.
Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:
- Elias Abu Ata, Communications and Media Adviser, im Sudan: elias.abuata@nrc.no, +962 788 980 980 (erreichbar über WhatsApp)
- Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
- NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329