Sudan: Kordofan am Rande einer Katastrophe, während die Welt erneut den Blick abwendet

Südkordofan ist derzeit das Epizentrum des Krieges im Sudan. Dieser hat die weltweit größte humanitäre Krise ausgelöst. Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegian Refugee Council (NRC), warnte heute, dass die Zivilbevölkerung im Süden des Landes nach einem Jahr Hungersnot und Bombardierungen mit verschärften Kämpfen und einer nahezu vollständigen Blockade humanitärer Hilfslieferungen konfrontiert ist.
Pressemitteilung
Sudan
Veröffentlicht 02. Feb. 2026

Nach seinem Besuch in Südkordofan erklärt Egeland, dass die Welt die Zivilbevölkerung im Sudan erneut im Stich lässt, während die Zeit verstreicht und weitere Gräueltaten drohen.

„Südkordofan ist zur gefährlichsten und am meisten vernachlässigten Frontlinie des Sudan geworden”, so Egeland. „Nach den Schrecken in El Fasher, Darfur, dürfen wir nicht zulassen, dass sich eine weitere Katastrophe für die Zivilbevölkerung vor unseren Augen ereignet. Ganze Städte werden ausgehungert, sodass Familien mittellos fliehen müssen. Zivilist*innen haben mir hier erzählt, dass sie dort bombardiert und angegriffen werden, wo sie leben, beten und lernen. Dies ist eine menschengemachte Katastrophe, die sich zu einem Albtraum entwickelt.“

In Kadugli und Dilling, den wichtigsten Städten in Südkordofan, wurden wichtige Versorgungswege unterbrochen. Dies hat zu einem vollständigen Zusammenbruch der Märkte geführt. Die eingeschlossenen Zivilist*innen haben kaum oder gar keinen Zugang zu Lebensmitteln, Bargeld oder grundlegenden Dienstleistungen. In Kadugli breitet sich bereits eine Hungersnot aus, auch Dilling ist stark bedroht.

Während seines Besuchs traf Egeland auf Familien, die erst flohen, als ein Überleben unmöglich geworden war. So auch Asia, die im vergangenen Dezember mit ihren vier kleinen Kindern, darunter einem sieben Monate alten Baby, aus Kadugli floh. Ihr Haus war von Explosionen getroffen worden, während ihr Mann auf der Suche nach Lebensmitteln war.

„Ich musste mein Baby im Arm tragen und mit meinen anderen Kindern um unser Leben rennen“, erzählt Asia. „Hier im Thobo-Lager habe ich immer noch keine Nachricht von meinem Mann erhalten. Ich muss auf den Feldern Feuerholz und Stroh sammeln, um es für Lebensmittel zu verkaufen. Dennoch möchte ich im Lager bleiben, weil meine Kinder hier die NRC-Schule besuchen können.“

Derzeit fliehen Tausende Menschen aus Kordofan in kleinen, verzweifelten Fluchtbewegungen. Oftmals müssen sie dabei Frontlinien überqueren, um in die Nuba-Berge zu gelangen, eine Region, die seit langer Zeit isoliert und verarmt ist und nun erneut von Gewalt heimgesucht wird. Andere fliehen nach White Nile, Gedaref oder in den Südsudan. Diese Reisen dauern Tage oder Wochen und sind geprägt von Hunger, Überfällen, Einschüchterungen und Missbrauch.

Nachdem sie die relative Sicherheit von Flüchtlingslagern erreicht haben, schlafen Familien auf dem nackten Boden oder in überfüllten Unterkünften. Hilfsorganisationen wie das NRC sind nur vereinzelt vertreten, überlastet und unterfinanziert. Grundlegende Güter sind äußerst knapp.

Die Kinder sind traumatisiert, unterernährt und können nicht zur Schule gehen. Die Eltern berichten NRC, dass psychosoziale Unterstützung, Bildung und finanzielle Hilfe zu ihren dringendsten Bedürfnissen gehören.

Egeland warnt, dass die humanitären Hilfsmaßnahmen bei weitem nicht ausreichen, da internationale Organisationen weitgehend abwesend sind und Zugangsbeschränkungen die Lieferung von Hilfsgütern weiterhin blockieren.

„Während die meisten internationalen Organisationen ihre Aktivitäten eingeschränkt haben, halten sudanesische Hilfskräfte unter extremem Druck die Stellung“, sagt Egeland. „Sie betreiben Gemeinschaftsküchen, evakuieren Familien und liefern Hilfsgüter unter Beschuss. Sie leisten Unglaubliches, aber wir müssen mehr leisten, um sie zu unterstützen.“

Trotz schwerwiegender Sicherheits- und Zugangsbeschränkungen setzt NRC seine Arbeit in Kadugli, den Nuba-Bergen und anderen Gebieten, in die Menschen fliehen, fort. NRC leistet Nothilfe in Form von Lebensmitteln, Bargeld, Unterkünften, Bildung, Schutz und Wasserversorgung, wo immer möglich. Die Bedürfnisse übersteigen jedoch bei weitem die verfügbaren Ressourcen.

„Dies ist ein kritischer Moment“, so Egeland. „Wir wissen genau, wohin das führt, wenn die Welt erneut den Blick abwendet. Die Geschichte wird über uns urteilen, wenn wir die Zivilbevölkerung im Sudan abermals endloser Gewalt und Entbehrung aussetzen.“

NRC appelliert an die Konfliktparteien, sofortigen Zugang für humanitäre Hilfe zu gewähren und die Zivilbevölkerung zu schützen. Die Organisation fordert dringend Finanzmittel für lebensrettende Maßnahmen sowie ein wirksames internationales Engagement, um weiteres Leid zu verhindern. „Die Menschen in Kordofan haben nicht aufgegeben“, sagt Egeland. „Die lokalen Hilfskräfte haben nicht aufgegeben. Die Frage ist nun, ob die Welt endlich handeln wird.“

Hinweise für die Redaktionen:

  • Fotos und B-Roll-Material von Egelands Besuch im Sudan stehen hier zur freien Verwendung zur Verfügung.
  • Kadugli ist bereits von hungersnotähnlichen Zuständen betroffen, Dilling ist ebenfalls stark bedroht (UN).
  • Alle wichtigen Versorgungswege nach Kadugli und Dilling sind unterbrochen.
  • Die Märkte funktionieren größtenteils nicht mehr, die Lebensmittelpreise sind extrem hoch und Bargeld ist knapp.
  • Zwischen dem 25. Oktober und dem 15. Januar wurden mehr als 88.000 Menschen in der Region Kordofan vertrieben. Derzeit leben in der Region mehr als eine Million Binnenvertriebene (IOM).
  • Die Fluchtrouten führen über die Nuba-Berge, den Weißen Nil, Gedaref und den Südsudan, oft über aktive Frontlinien hinweg.
  • In Kadugli ist keine Präsenz der Vereinten Nationen mehr vorhanden und die meisten internationalen NGOs haben ihre Aktivitäten eingestellt oder drastisch reduziert.
  • Lokale Hilfskräfte sind oft die einzigen, die noch vor Ort tätig sind.
  • NRC setzt seine Arbeit in Kadugli, Dilling, den Nuba-Bergen und den Vertriebenengebieten fort. Dabei unterstützt die Organisation Gemeinschaftsküchen, versorgt die Menschen mit Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygieneartikeln, liefert Non-Food-Artikel und bietet in 29 Lernzentren Bildungsangebote an. In White Nile und Gedaref stellt NRC außerdem Unterkünfte und Non-Food-Artikel-Kits bereit, um auf weitere Vertreibungen vorbereitet zu sein.
  • Im Jahr 2025 blieben 62 Prozent der Bedürfnisse ungedeckt. Nur ein Bruchteil des Gesamtbedarfs wird voraussichtlich im Jahr 2026 gedeckt werden können (OCHA)

Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:  

  • Karl Schembri, Media Adviser, NRC Norwegian Refugee Council in Südkordofan: schembri@nrc.no, +254 741 664562
  • Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
  • NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329