Eine Befragung von 1.200 syrischen Haushalten in neun Gouvernements ergab, dass die Mehrheit der vom Konflikt betroffenen Syrer*innen ohne die grundlegenden rechtlichen Dokumente lebt. Diese sind jedoch für den Zugang zu Dienstleistungen, die Sicherung von Wohnraum oder die Durchsetzung von Rechten erforderlich. Zu den am stärksten Betroffenen gehören Frauen und vertriebene Personen.
Der Bericht macht deutlich, dass 62 Prozent der befragten syrischen Familien für mindestens ein Familienmitglied nur unvollständige amtliche Ausweisdokumente besitzen. Dadurch stehen möglicherweise Millionen Menschen ohne grundlegenden Identitätsnachweis da. Bei den seit dem Jahr 2024 zurückgekehrten Familien steigt die Zahl derjenigen mit fehlenden Dokumenten noch weiter an. Hauptursachen hierfür sind lang anhaltende Vertreibung, die Zerstörung des Melderegisters und wiederholte administrative Störungen.
„Der chronische Mangel an amtlichen Dokumenten bei Millionen Syrer*innen wirkt sich auf jeden Bereich ihres Lebens aus. Während eines kürzlichen Besuchs im Norden Aleppos traf ich unzählige Familien, die über keinerlei offiziellen Nachweis ihrer Existenz verfügten, da weder ihre Eltern noch ihre Großeltern jemals entsprechende Dokumente besaßen“, so Federico Jachetti, NRC-Landesdirektor in Syrien.
„Ohne Nachweis ihrer Identität oder ihres Eigentums können Menschen nicht belegen, wer sie oder ihre Kinder sind oder welcher Besitz ihnen zusteht. Dadurch wird es schwieriger, medizinische Versorgung oder Schulbildung zu erhalten. Hierbei geht es nicht nur um bürokratische Hürden, sondern auch um die Inanspruchnahme grundlegender Rechte.“
In Bezug auf den Wohnraum zeigt sich ein ähnliches Bild. 61 Prozent der Familien, die Wohnraum besitzen oder mieten, gaben an, über keine formalen Nachweise ihrer Wohnrechte zu verfügen. Dadurch wird ihre Wohnsituation äußerst prekär, was zu Streitigkeiten führen kann, die unter Umständen in einer Zwangsräumung enden. Bei Frauen steigt dieser Anteil auf 70 Prozent, sodass sie sich in anhaltender rechtlicher Unsicherheit befinden.
Der Zugang zu Rechtsbeistand bleibt begrenzt und ist ungleich verteilt, was hauptsächlich auf die hohen Kosten und die Komplexität der Verfahren zurückzuführen ist.
Der Bericht empfiehlt demnach vereinfachte Verfahren zur Ausstellung amtlicher Dokumente mit standardisierten Anforderungen, damit Betroffene dringend benötigte Unterlagen erhalten können. Zudem sollten die damit verbundenen Rechts- und Verwaltungskosten gesenkt werden.
NRC fordert internationale Geber dazu auf, die Finanzierung für den Zugang zur Justiz in Syrien deutlich aufzustocken. So können Hilfsprogramme dazu beitragen, Probleme mit Personenstandsdokumenten zu lösen und Eigentumsstreitigkeiten zu klären – insbesondere für Frauen, vertriebene Menschen, Menschen mit Behinderungen und Familien von Vermissten.
Hinweise für die Redaktionen:
- Die Erhebung zu Rechtsbedarfen des ICLA-Programms (Information, Counselling and Legal Assistance) steht hier zum Download bereit.
- Die Bedarfsanalyse wurde in Aleppo, Idlib, Al-Hasakeh, Ar-Raqqa, Daraa, Damaskus, im Umland von Damaskus, Hama und Homs durchgeführt und reflektiert damit die vielfältigen Kontexte von Vertreibung, Rückkehr und Aufnahmegemeinschaften im ganzen Land.
- Die im Dezember 2025 abgeschlossene Erhebung kombiniert 1.200 Haushaltsbefragungen in neun Gouvernements mit 28 Fokusgruppendiskussionen, 36 Interviews mit Schlüsselpersonen und Beobachtungen vor Ort in staatlichen Einrichtungen.
- NRC ist seit 2013 in Syrien tätig und unterstützt Menschen in den Bereichen Rechtsberatung, Bildung, Zugang zu sauberem Wasser, Unterkunft, Schutz vor Gewalt und Ernährung.
- Im Jahr 2025 erreichte NRC mit seinen Programmen zur Förderung des Zugangs zur Justiz über 31.000 Menschen, davon waren 60 Prozent Frauen.
Zentrale Ergebnisse der Erhebung:
- 62 Prozent der Haushalte haben mindestens ein Mitglied, das keine gültigen Ausweispapiere besitzt. 38 Prozent sind vollständig dokumentiert.
- 80 Prozent der Menschen, die seit Dezember 2024 zurückgekehrt sind, weisen Lücken in ihren Unterlagen auf.
- 61 Prozent der Haushalte verfügen über keine formalen Wohn- oder Eigentumsnachweise, obwohl 70 Prozent angeben, ein Haus zu besitzen oder zu mieten.
- 21 Prozent der Haushalte sind von Zwangsräumung bedroht. 69 Prozent der Betroffenen haben keine Räumungsaufforderung erhalten.
- 87 Prozent der Frauen, deren Ehemänner vermisst werden, haben keinen Zugang zum Vermögen der Vermissten und können ihre gesetzlichen Rechte nicht geltend machen, da die Erbschaft ohne Sterbeurkunde rechtlich gesperrt ist.
- Nur 24 Prozent der Frauen, die eine gerichtliche Feststellung des Todes oder der Abwesenheit beantragt haben, waren damit erfolgreich. Bei 66 Prozent ist das Verfahren noch laufend.
- 70 Prozent der Frauen verfügen über keine formalen Eigentumsdokumente, im Vergleich zu etwas mehr als 50 Prozent der Männer.
Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:
- Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
- NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329
