Olena und ihr vierjähriger Sohn Yevhenii in ihrer Wohnung im 10. Stock in Odessa. Die Wohnung ist dunkel, da es aufgrund von Angriffen auf die Energieinfrastruktur der Ukraine zu Stromausfällen kommt. Die Familie ist im Jahr 2022 aus Cherson geflohen und hat während des Krieges zwei lebensgefährliche Situationen überlebt. Foto: Viacheslav Onyshchenko/NRC

Ukraine: Vier Jahre Krieg bringen Vertriebene an den Rand der Verzweiflung

Vier Jahre nach Beginn des groß angelegten Krieges in der Ukraine, stehen Binnenvertriebene laut dem Norwegian Refugee Council (NRC) unter zunehmendem existentiellen Druck. Die Hilfe schwindet, die Ersparnisse sind aufgebraucht und ihnen fehlt ein sicheres Zuhause, in das sie zurückkehren können.
Pressemitteilung
Ukraine
Veröffentlicht 19. Feb. 2026

Der harte Winter hat ihre ohnehin prekäre Lage weiter verschärft. Er hat den dringenden Bedarf an humanitärer Hilfe verdeutlicht und die Notwendigkeit einer führenden Rolle der ukrainischen Regierung bei der Suche nach Lösungen für Vertriebene aufgezeigt.

„Nach vier Jahren Krieg stehen vertriebene Menschen unter einer enormer Belastung“, sagt Marit Glad, Landesdirektorin des NRC in der Ukraine. „Viele Menschen haben ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht und können aufgrund der anhaltenden Zerstörung und Gefahr nicht in ihre Heimat zurückkehren. Ich habe mit unzähligen Vertriebenen gesprochen, die mir erzählen, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Familien zu versorgen. Oftmals sorgen sie für Kinder und Familienmitglieder mit Behinderungen oder eingeschränkter Mobilität, während sie gleichzeitig dem ständigen Terror von Drohnenangriffen und dem Krieg ausgesetzt sind. Ohne Unterstützung wird das Überleben zunehmend unmöglich.“

Die am stärksten gefährdeten Vertriebenen in der Ukraine stehen zunehmend unter Druck, unmögliche Entscheidungen zu treffen, um zu überleben – und das häufig, nachdem sie mehr als zwei Jahre in Vertreibung verbracht haben.

Besonders gefährdete vertriebene Menschen verfügen im Durchschnitt über ein monatliches Einkommen von nur 4.472 UAH (ca. 87 Euro). Das sind rund drei Viertel der geschätzten durchschnittlichen monatlichen Mietkosten von 6.000 UAH (ca.118 Euro) für Vertriebene in der Ukraine. Hinzu kommen weitere lebensnotwendige Kosten wie Ausgaben für Lebensmittel und Medikamente.

Nach Jahren der Vertreibung haben viele Familien ihre Ersparnisse aufgebraucht und sind nun gezwungen, unter prekären Bedingungen zu leben. Um über die Runden zu kommen, greifen sie häufig zu riskanten oder untragbaren Lösungen. Dazu gehört beispielsweise, ihre Ausgaben für Gesundheit oder Heizen zu reduzieren. Dies ist besonders im Winter gefährlich, wenn die Temperaturen auf bis zu minus 20 Grad Celsius fallen.

„Für Dokumente bezahlen, die Miete aufbringen, die Behandlung für den Jungen finanzieren. Wir hatten eine unglaublich schwierige Zeit und der Druck war enorm“, berichtet Kateryna. Die 64-Jährige sorgt allein für ihren 14-jährigen Enkel Sasha. Beide sind seit dem Jahr 2022 aus Torezk in der Region Donezk vertrieben. NRC unterstützte die Familie mit Bargeld, um die Miete für sechs Monate zu bezahlen, sowie mit Rechtsbeistand, um Zugang zu wichtigen Dokumenten zu erhalten. „Als das Geld kam, habe ich geweint. Ich konnte es kaum glauben“, erzählt Kateryna. 

Viele vertriebene Familien sind gezwungen, sich eine Unterkunft mit anderen zu teilen, um sich diese leisten zu können. „Wir lebten zu zwölft, darunter sieben Kinder, zusammengepfercht in einem Haus“, erzählt Olena, die im Jahr 2022 aus Asiivka in der Region Charkiw geflohen ist. „Es war ein Haus voller Menschen.“ Nach ihrer Vertreibung fand ihre Familie weiter entfernt von der Front in derselben Region Zuflucht. Dort standen sie vor der Herausforderung, für diejenigen zu sorgen, die plötzlich zu einer kleinen Gemeinschaft unter einem gemeinsamen Dach geworden waren.

„Die ukrainische Regierung sollte weiterhin eine führende Rolle bei gemeinsamen Anstrengungen übernehmen, um Binnenvertriebenen Zugang zu sicheren, warmen Unterkünften zu ermöglichen, damit sie ihre verbleibenden Ersparnisse nicht aufbrauchen oder zu riskanten Bewältigungsstrategien greifen müssen, um zu überleben“, betont Glad. „Eine Führungsrolle bei der Suche nach langfristigen Lösungen für die Vertreibung ist unerlässlich, um eine Verschärfung der Krise zu verhindern. Dies erfordert einen klaren Plan und die notwendigen Ressourcen zu seiner Umsetzung. Internationale Geber sollten diese Bemühungen unterstützen.“

Der strenge Winter hat die Notlage noch weiter verschärft. Stromausfälle, Treibstoffknappheit und die Zerstörung der Energieinfrastruktur schränken den Zugang zu Heizung, Strom und Wasser für Millionen auf der Flucht ein. Am meisten leiden die schutzbedürftigsten Menschen unter der extremen Kälte in unzureichenden Unterkünften und sehen sich oft zusätzlich der Gefahr sozialer Isolation ausgesetzt.

Auch Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind und in Nachbarländern Zuflucht gefunden haben, stehen vor großen Herausforderungen. In Moldau können viele Familien auch Jahre nach ihrer Flucht ihre Grundbedürfnisse nicht decken, da ihre Ersparnisse erschöpft sind und sie nur schwer Zugang zu sicheren Arbeitsplätzen haben. Um ihren täglichen Bedarf zu decken, sind viele von ihnen auf humanitäre Hilfe angewiesen.

„Internationale Geber dürfen die Versprechen, die sie den Menschen in der Ukraine gegeben haben, nicht vergessen. Während sich der Konflikt immer weiter in die Länge zieht, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Geber ihre umfassende Unterstützung für vertriebene Familien aufrechterhalten, die bereits Jahre großer Entbehrungen erlebt haben. Sie dürfen nicht zu den unsichtbaren Opfern dieses Krieges werden“, so Glad. 

Hinweise für die Redaktionen:

  • Fotos aus der Ukraine können hier kostenlos heruntergeladen werden.
  • Nach Angaben des NRC vom September 2025, die auf Angaben von 113.845 Binnenvertriebenen basieren, welche bei NRC Unterstützung beantragt hatten, gaben bedürftige Binnenvertriebenenhaushalte in der gesamten Ukraine ein durchschnittliches monatliches Haushaltseinkommen von 4.472 UAH (ca. 87 Euro) an. Sie gaben außerdem an, zum Ausgleich der Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben drei negative Bewältigungsstrategien zu nutzen. Dabei handelt es sich um reduzierte Gesundheitsausgaben (20,2 Prozent), reduzierte Heizkosten (13,2 Prozent) und die Verwendung von Ersparnissen (11,1 Prozent).    
  • Binnenvertriebene, die zur Miete wohnen, sind weiterhin einer höheren Mietbelastung ausgesetzt als andere Bevölkerungsgruppen. Auf nationaler Ebene gaben mietende Binnenvertriebene, eine durchschnittliche Monatsmiete von 6.000 UAH (ca. 118 Euro) an (IOM).
  • In der gesamten Ukraine sind zum Stand Januar 2026 noch immer 3.712.000 Menschen binnenvertrieben (IOM). Weitere 5.349.060 Menschen haben bis Januar 2026 in ganz Europa Zuflucht gefunden (UNHCR). Die Republik Moldau beherbergt derzeit (Stand Dezember 2025) 139.160 Geflüchtete aus der Ukraine (UNHCR).
  • Die meisten Binnenvertriebenen sind nach wie vor von anhaltender Vertreibung betroffen: 71 Prozent von ihnen sind bereits seit mehr als zwei Jahren auf der Flucht (IOM). 
  • Der Humanitarian Needs and Response Plan (HNRP) für die Ukraine für das Jahr 2025 erhielt 1.500 Millionen US-Dollar (ca. 1.270 Millionen Euro) der benötigten 2.634 Millionen US-Dollar (ca. 2.224 Millionen Euro) (Deckungsgrad: 57 Prozent) (OCHA). Laut dem Plan für humanitäre Hilfe und Maßnahmen werden im Jahr 2026 2.304 Millionen US-Dollar (ca. 1.945 Millionen Euro) benötigt, um 4,1 Millionen der am stärksten gefährdeten, vom Konflikt betroffenen und vertriebenen Menschen in der Ukraine zu unterstützen (OCHA).  
  • Der Teil des Ukrainischen Regional Refugee Response Plan (RRP) der Moldau betrifft, erhielt 88 Millionen US-Dollar (ca. 74 Millionen Euro) der erforderlichen 205 Millionen US-Dollar (ca.173 Millionen Euro) im Jahr 2025 (UNHCR). Für das Jahr 2026 werden 116 Millionen US-Dollar (ca. 98 Millionen Euro) benötigt, um 90.000 der am stärksten gefährdeten Geflüchteten zu erreichen (OCHA).
  • NRC ist seit dem Jahr 2014 in der Ukraine tätig und leistet derzeit Bargeldhilfe, Unterstützung bei Hausreparaturen und Winterhilfe, Bildungsangebote, gemeindebasierte Schutzmaßnahmen sowie Rechtsberatung zu Wohnraum, Identitätsdokumenten und staatlichen Leistungen – in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen, um die grundlegenden Bedürfnisse von vertriebenen und vom Konflikt betroffenen Familien würdevoll zu decken. Seit der Eskalation des Krieges im Jahr 2022 hat NRC Ukraine über 1.500.000 Menschen unterstützt.
  • NRC ist seit dem Jahr 2022 in Moldau tätig und bietet derzeit Bildungsangebote, Rechtsberatung, Unterstützung im Bereich der Existenzsicherung, Hausreparaturen sowie Winterhilfe an. Insgesamt hat NRC in Moldau seitdem über 182.000 Menschen erreicht. Im Jahr 2025 wurden 80 Prozent der Projektteilnehmenden von NRC über lokale Partner erreicht.

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