„Wenn Mutter und Tochter über ihre Wirklichkeit und ihre Träume sprechen, laufen ihnen die Tränen über ihre Gesichter. Fatima, 50, und Yasmin, 25, sitzen auf einem dünnen, rot-gemusterten Teppich in ihrem provisorischen Zelt. Straff sind die Plastikplanen über ein Holzgestell gespannt und bieten notdürftigen Schutz vor dem Sand, der an diesem Morgen über die Wüstenlandschaft weht. Der Teppich ist alles, was ihnen von ihrer Flucht aus dem Sudan geblieben ist.
Wir befinden uns im Norden des Tschad, einem der ärmsten Länder der Welt. Bis zur Grenze zum Bürgerkriegsland Sudan sind es etwa 70 Kilometer. Die Armee des Tschad ist dort gerade in Alarmbereitschaft gegangen, weil der Bürgerkrieg droht, sich über die Grenze auszuweiten. Längst hat der Krieg zwischen den Sudanesischen Streitkräften (SAF) und den rivalisierenden Rapid Support Forces (RSF) die gesamte Region erfasst und ist zur größten humanitären Vertreibungskrise der Welt geworden. Am 15. April hält sie schon seit drei Jahren an. 13,5 Millionen Menschen haben ihre Heimat verlassen müssen. Während die meisten innerhalb des Landes Zuflucht gesucht haben, verteilen sich etwa vier Millionen Menschen in den Nachbarländern: Tschad, Südsudan, Ägypten, Libyen, Äthiopien, Uganda, Zentralafrikanische Republik.

Dort gibt ohnehin nur wenig Ressourcen zu verteilen. Umso stärker trifft das Wegbrechen der internationalen Unterstützung die Menschen in dieser Region. Humanitäre Organisationen mussten bereits die harten Entscheidungen treffen, die Lebensmittel- und Wasserrationen zu halbieren. Die Auswirkungen der weltweiten Streichungen der humanitären Hilfsgelder durch Regierungen wie die USA, Deutschland, Schweden, die Niederlande und anderen – hier in der Region Wadi Fira im Tschad kann man sie schmerzlich fühlen, spüren und sehen.
Die Menschen kämpfen um ihr Überleben. Es gibt zu wenig Wasser, zu wenig Unterkünfte, nicht genug Essen, kaum Schulen, und nur eine Gesundheitsstation für rund 100.000 Menschen. Die Menschen sind verletzt, körperlich und seelisch. „Es ist so schwer, wenn man nicht aus dieser Region stammt“, sagt Yasmin. Sie floh vor fünf Monaten mit ihrer Familie aus der Stadt El Fasher in der sudanesischen Region Darfur. Oder besser gesagt, sie rannten davon, mit nichts mehr als ihren Kleidern am Körper, als die Truppen der RSF die Stadt von den Regierungstruppen einnahmen.
Nach ihrer Ankunft im Lager schlief Fatima zunächst unter Dornenbüschen, bis einer meiner Kollegen sie fand und sie mit ihrer Familie in einem Zelt, das gerade aufgestellt worden war, unterbringen konnte. Yasmins zweijährige Tochter Mayar kuschelt sich still an sie. Sie sieht schwach und dünn aus. In der Gesundheitsstation wird man später bestätigen, dass Mayar unterernährt ist. Sie bekommt zwar die nötige Zusatznahrung, doch die Vorräte sind knapp, sagen die Ärzte. „El Fasher war das Paradies“, sagt Yasmin. „Jetzt haben wir nichts mehr und betteln auf dem Markt.“

Dieser Ort fühlt sich sehr vernachlässigt an. Die Menschen stecken zwischen dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat und dem Lager fest.
Doch die vertriebenen Sudanes*innen wehren sich gegen diese Vernachlässigung. „Die Welt soll das hier sehen“, sagt Moussa Ahmed. Jetzt ist er Bäcker, aber eigentlich ist er ausgebildeter Krankenpfleger. Er gestikuliert energisch mit seinen bemehlten Händen. „Sie müssen kommen und in jedes Zelt gehen, damit sie die Wirklichkeit verstehen.“ Mit einem Kredit hat er seine kleine Bäckerei errichtet. „Ich muss meine Familie ernähren“, erzählt er. „Ich muss überleben. Wir können das, aber wir brauchen Unterstützung.“

Es ist höchste Zeit, dass die Welt sich nicht nur solidarisch erklärt, sondern Worten konkrete Taten folgen lässt. Wir vom Norwegian Refugee Council (NRC) stellen unter anderem Unterkünfte und Toiletten bereit, um den vertriebenen Menschen, insbesondere Frauen, einen sicheren Ort zum Leben zu bieten. Die Gemeinden vor Ort teilen seit drei Jahren das Wenige, das sie selbst haben. Das ist jedoch nicht genug.
Lebenswichtige humanitäre Arbeit benötigt dringend ausreichende Finanzierung. Der Druck, für eine politische Lösung muss erhöht werden. Gleichzeitig muss humanitären Helfern der Zugang zu notleidenden Menschen gewährt werden. Dafür braucht die deutsche humanitäre Diplomatie einen klaren Fahrplan. Die 3. Internationale Sudankonferenz, die am 15. April in Berlin stattfindet, hat die Aufgabe, hier Akzente zu setzen und den Millionen Vertriebenen eine Zukunftsperspektive zu geben.
Denn ihr größter Wunsch ist es, in ihre Heimat zurückzukehren.“
Dieses Meinungsstück wurde am 15. April 2026 im Hamburger Abendblatt veröffentlicht.
