Vertriebene Familien, die im Stau feststecken. Ahmad Badr/NRC

Libanon: Schon 300.000 Menschen vertrieben nach Befehlen zur Massenevakuierung

Israel muss die Befehle zur Massenevakuierung im Libanon sofort zurücknehmen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, forderte das Norwegian Refugee Council (NRC).
Pressemitteilung
Mittlerer Osten Libanon
Veröffentlicht 09. März 2026

Weniger als 100 Stunden nachdem Israel eine Welle von Luftangriffen und Evakuierungsbefehlen im Südlibanon, in Beirut und anderen Gebieten gestartet hatte, wurden nach Schätzungen des NRC bereits 300.000 Menschen vertrieben. Die Angriffe erfolgten, nachdem die Hisbollah einen Raketenangriff auf Israel gestartet hatte.

Die neuen israelischen Befehle zur Massenevakuierung betreffen Hunderte von Dörfern im Südlibanon sowie Dörfer in der Bekaa-Ebene und den gesamten südlichen Vororten von Beirut. Das macht einen großen Teil des libanesischen Territoriums aus. Die Zahl der Menschen, die von Vertreibung betroffen sein könnten, wird möglicherweise eine Million übersteigen.

„Familien, die gerade erst begonnen hatten, ihr Leben wieder aufzubauen, sind nun gezwungen, erneut zu fliehen“, sagte Maureen Philippon, Landesdirektorin des NRC im Libanon. „Die Menschen verließen ihre Häuser mitten in der Nacht mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib trugen. Wieder einmal zahlt die Zivilbevölkerung den höchsten Preis. Wenn die jüngsten Evakuierungsbefehle Israels umgesetzt werden, könnte dies zu einer humanitären Krise führen, wie wir sie seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen haben.“

Nach Angaben der libanesischen Behörden wurden seit Montag mehr als 100 Menschen getötet und 638 verletzt, wobei landesweit mehr als 529 israelische Angriffe registriert wurden.

Zainab, die aus dem Südlibanon vertrieben wurde, berichtete dem NRC: „Es war etwa drei Uhr morgens, als wir aufbrachen. Wir hatten keine Zeit, irgendetwas zu packen. Wir sind mit den Kleidern, die wir am Leib trugen, aufgebrochen und haben einfach nur versucht, die Kinder ins Auto zu bringen.“

Mehr als 95.000 Menschen leben derzeit schon in Sammelunterkünften, viele davon in öffentlichen Schulen, die zu provisorischen Notunterkünften umfunktioniert wurden. Da die Vertreibung weitergeht, schlafen viele Menschen in ihren Autos und versuchen, einen sicheren Ort zu finden. Wer Glück hat, wird von Verwandten oder Freunden aufgenommen, die ihnen Sofas im Wohnzimmer anbieten oder Betten in den Kinderzimmern.

Die Evakuierungsbefehle Israels, mit denen Zivilist*innen aufgefordert werden, mehrere Gebiete im Libanon zu verlassen, geben Anlass zu ernsthafter Sorge im Hinblick auf das humanitäre Völkerrecht, das die gewaltsame Vertreibung der Zivilbevölkerung verbietet. Diese Befehle scheinen militärisch nicht gerechtfertigt zu sein und bieten keine Garantie für sichere Fluchtwege oder Unterstützung für die Flüchtenden. Dies vergrößert das Leid von Hunderttausenden Familien.

NRC weist darauf hin, dass alle Zivilist*innen geschützt werden müssen. Das gilt auch für diejenigen, die sich dafür entscheiden, in den betroffenen Gebieten zu bleiben, oder nicht in der Lage sind, sie zu verlassen.

Kinder gehören nach wie vor zu den am stärksten Betroffenen. Schulen wurden zu Notunterkünften umfunktioniert und Familien sind erneut entwurzelt. Schulunterricht ist für die Kinder derzeit nicht möglich, stattdessen erleben sie Trauma und Unsicherheit.

„Die psychologischen Auswirkungen der erneuten Gewalt sind erheblich“, fügte Philippon hinzu. „Menschen, die bereits Vertreibung und Verlust erlebt haben, sind erneut mit Angst und Unsicherheit darüber konfrontiert, was die Zukunft bringen wird.“

NRC hat die Nothilfe ausgeweitet und verteilt lebensnotwendige Güter wie Matratzen, Kissen, Decken und Hygieneartikel, um den Vertriebenen zu helfen und ihre dringendsten Bedürfnisse zu decken. Die kommenden Tage werden für die Menschen entscheidend sein – es muss sichergestellt werden, dass sie eine Unterkunft haben. Schutzräume und die Privatsphäre müssen vor allem für Frauen und Mädchen gewahrt bleiben. Schutzbedürftige Menschen, darunter auch Menschen mit Behinderungen, brauchen dringend Unterstützung.

NRC fordert alle Parteien auf, unverzüglich konkrete Schritte zur Deeskalation der Auseinandersetzungen zu unternehmen und ihren Verpflichtungen gemäß dem humanitären Völkerrecht zum Schutz der Zivilbevölkerung und der zivilen Infrastruktur nachzukommen. NRC fordert außerdem Staaten auf, ihren diplomatischen Einfluss geltend zu machen, um die Einhaltung dieser Verpflichtungen sicherzustellen und einen glaubwürdigen Weg zur Deeskalation und Beendigung der Gewalt zu unterstützen.

Hinweise für die Redaktionen:

  • Fotos aus dem Libanon können hier kostenlos heruntergeladen werden.
  • Interne Schätzungen des NRC zeigen, dass mindestens 300.000 Menschen im Libanon bereits vertrieben wurden. Das Verhältnis zwischen der Zahl der Menschen in Notunterkünften und der Gesamtzahl der Vertriebenen entspricht früheren Massenvertreibungen, bei denen die in Sammelunterkünften lebenden Menschen höchstens 30 Prozent der Gesamtzahl der Vertriebenen ausmachten.
  • Am 27. November 2024 trat ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hisbollah in Kraft.
  • Seitdem wurden entlang der Blauen Linie Tausende von Luftraum- und Bodenverletzungen registriert (UNIFIL).
  • Seit der ersten Eskalation im September 2024 sind mehr als 64.000 Menschen weiterhin vertrieben (IOM).
  • Am 2. März 2026 wurden Raketen aus dem Südlibanon auf Nordisrael abgefeuert. Als Reaktion darauf folgten mehrere Luftangriffe auf verschiedene Gebiete im Libanon, darunter der Südlibanon, die Bekaa-Ebene und die südlichen Vororte von Beirut.

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