Im Sudan, Südsudan und Tschad sind die meisten Familien mittellos geflohen. Drei Jahre nach Ausbruch des Krieges lassen sie Mahlzeiten aus und haben kein Einkommen, um zu überleben. Einige können in Ländern wie Ägypten und Libyen Arbeit finden, doch viele haben weiterhin Schwierigkeiten, ihre Grundbedürfnisse zu decken, und leben unter prekären Bedingungen.
Wiederholte Vertreibungen stürzen Familien in einen existenziellen Überlebenskampf. Im Durchschnitt berichteten Haushalte von rund vier schwerwiegenden Belastungen seit ihrer Flucht. Dazu zählen der Verlust von Wohnraum, Lebensgrundlagen und persönlichem Besitz. Oft waren sie gezwungen, mehrfach weiterzuziehen und jedes Mal noch mehr zurückzulassen.
In den vergangenen drei Jahren teilten Aufnahmegemeinschaften und von Vertreibung betroffene Familien Lebensmittel, Unterkünfte und knappe Ressourcen, um eine noch größere Katastrophe zu vermeiden. Die jüngste Erhebung des NRC zeigt jedoch, dass diese Solidarität inzwischen an ihre Grenzen stößt.
Jan Egeland, Generalsekretär des NRC, berichtet: „Seit drei Jahren unterstützen Familien einander, trotz unvorstellbarer Entbehrungen. Heute sagen sie uns unmissverständlich: Sie sind vollkommen erschöpft, sie essen weniger und sie können nicht mehr lange durchhalten. Die Solidarität der sudanesischen Bevölkerung hat diese Krise bisher getragen, doch das Mitgefühl vor Ort kann die Krise nicht allein bewältigen.“
Die Ergebnisse kommen zu einem Zeitpunkt, an dem der Sudan noch immer die weltweit größte Vertreibungskrise erlebt. Mehr als 9 Millionen Menschen befinden sich innerhalb des Landes auf der Flucht, während gleichzeitig mehr als 3,5 Millionen Menschen in Nachbarländern Zuflucht gesucht haben. Landesweit sind 29 Millionen Menschen von einer akuten Hungerskrise betroffen, davon leben über 755.000 unter katastrophalen Bedingungen.
Hunger und der Verlust von Lebensgrundlagen
Die Erhebung verdeutlicht, dass Familien die Krise kaum noch bewältigen können. Im Tschad gaben mehr als 70 Prozent der Haushalte an, im vergangenen Monat weniger Mahlzeiten zu sich genommen zu haben. Im Sudan liegt der Anteil bei über 80 Prozent und im Südsudan ist dies nahezu flächendeckend der Fall. Auch in Ägypten reduzieren 75 Prozent der Haushalte ihre Mahlzeiten oder lassen sie ganz ausfallen. Ernährungsunsicherheit reicht somit über die unmittelbaren Konflikt- und Vertreibungsgebiete hinaus.
Gleichzeitig sind die Einkommensmöglichkeiten fast vollständig weggebrochen. Im Tschad gaben 90 Prozent der von Frauen geführten Haushalte an, keine Arbeit zu haben. Ohne Einkommen können selbst grundlegende Bedürfnisse wie Wasser nicht mehr finanziert werden. In Ägypten und Libyen berichten zwar mehr Geflüchtete von einem Einkommen, doch die Mehrheit ist auf unregelmäßige oder informelle Arbeit angewiesen.
„Wir leben ein sehr hartes Leben – es gibt kein Essen, keine Bildung und keine Unterkunft. Alles ist schwierig, und unsere Kinder verlieren die Hoffnung auf die Zukunft“ berichtete eine vertriebene Frau im Sudan.
Familien schilderten gravierende Engpässe und gekürzte Hilfsleistungen. Einige von ihnen gaben an, nur minimale Lebensmittelrationen zu erhalten, die nicht einmal für einen ganzen Monat ausreichen.
Zusammenbruch der Grundversorgung: Wasser, sanitäre Versorgung und Würde
Die Krise trifft Frauen und Kinder in überproportional hohem Maße. Im Sudan, Tschad und Südsudan haben 20 Prozent der Frauen keinen Zugang zu einer Toilette oder Latrine; damit sind dreimal so viele Frauen wie Männer betroffen. Frauen und Mädchen müssen oft lange Strecken zurücklegen, um Wasser zu holen, und sind dabei Belästigungen und Gewalt ausgesetzt.
„Die Wasserversorgung ist derzeit sehr schwierig. Ich appelliere dringend an Organisationen, Wasserprojekte zu unterstützen“, sagte eine Geflüchtete im Südsudan.
Die kumulative Belastung durch Hunger, Vertreibung und Verlust führt dazu, dass die Menschen ein Leben in Würde kaum aufrechterhalten können. Nur ein Bruchteil der vertriebenen Familien hat das Gefühl, dass ihre aktuellen Lebensbedingungen ein Leben in Würde ermöglichen. Im Sudan sind es 15 Prozent, im Tschad 25 Prozent und im Südsudan 43 Prozent.
Auch Kinder sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt. In allen drei Ländern gaben 18 Prozent der Haushalte an, im vergangenen Monat ihre Kinder zur Arbeit geschickt zu haben. Hunger und Familientrennungen verschärfen diese Situation zusätzlich. Im Tschad verdreifacht die Trennung von der Familie das Risiko von Kinderehen und führt zu einer Verdopplung der Kinderarbeit. Zudem verursacht die Instabilität weit verbreitete psychische Belastungen.
Erschöpfung nach wiederholter Vertreibung
Viele Familien wurden mehrfach vertrieben. Dadurch summieren sich ihre Verluste und ihre Erschöpfung nimmt zu. Menschen, die wiederholt vertrieben wurden, geben deutlich häufiger an, sich „am Ende ihrer Kräfte“ zu fühlen.
Trotzdem unterstützen die Vertriebenen sich weiterhin gegenseitig, soweit es ihnen möglich ist. Im Sudan und im Tschad berichtete etwa jede dritte Person, die selbst Hilfe erhält, dass sie andere unterstützt – häufig, indem eigene knappe Lebensmittelvorräte geteilt werden.
Die Nachbarländer geraten zunehmend unter Druck. Während der Tschad mehr als 900.000 sudanesische Geflüchtete aufgenommen hat, nahm der Südsudan über 600.000 Menschen auf, obwohl das Land selbst mit einer humanitären Krise konfrontiert ist. Ägypten, das 1,5 Millionen Menschen aufgenommen hat, und Libyen, das mehr als eine halbe Million Menschen aufgenommen hat, bieten einen vergleichsweise besseren Zugang zu Arbeit und grundlegenden Dienstleistungen. Dennoch bleiben viele Geflüchtete von formellen Systemen ausgeschlossen, stoßen bei der Beschaffung von Dokumenten auf Schwierigkeiten und haben keinen Zugang zu einem verlässlichen Einkommen.
In der gesamten Region ist die Krise nicht mehr nur durch Vertreibung, sondern auch durch die schwindende Widerstandskraft der Vertriebenen und der Aufnahmegemeinschaften geprägt.
„Was wir erleben, ist nicht nur eine humanitäre Krise, sondern ein Zusammenbruch der Überlebenssysteme“, so Egeland. „Gemeinschaften, die drei Jahre lang alles miteinander geteilt haben, sind über ihre Belastungsgrenzen hinausgetrieben worden.“
Seit April 2023 hat NRC mehr als 5,5 Millionen Menschen im Sudan und in den Nachbarländern unterstützt, darunter im Südsudan, im Tschad, in Ägypten, Äthiopien, Libyen und Uganda. Allerdings begrenzen Zugangsprobleme, Unsicherheit und Finanzierungslücken den Umfang und die Geschwindigkeit der Hilfe. NRC fordert deshalb ein entschlossenes internationales Handeln, um die Unterstützung für den Sudan und die weitere Region dringend auszuweiten.
„Gewöhnliche Menschen haben Außergewöhnliches geleistet: Sie haben ihre Mahlzeiten und Unterkünfte geteilt, obwohl sie selbst fast nichts mehr hatten. Es ist an der Zeit, dass die tatenlose internationale Gemeinschaft dieser lokalen Solidarität mit internationalem Handeln begegnet, indem sie die Mittel für lebenswichtige Unterstützung deutlich aufstockt und gleichzeitig wesentlich stärkere diplomatische Anstrengungen unternimmt, um der sinnlosen Gewalt ein Ende zu setzen“, fordert Egeland.
Zentrale Erkenntnisse:
Im März 2026 führte NRC eine Befragung von 1.293 geflüchteten und vertriebenen Haushalten durch: im Tschad (644 Haushalte), im Sudan (472 Haushalte) und im Südsudan (177 Haushalte). Erfasst wurden sowohl quantitative als auch qualitative Daten zu Ernährungssicherheit, Lebensgrundlagen, Schutzrisiken und dem Zugang zur Grundversorgung. In Ägypten wurde zusätzlich eine separate Bedarfsanalyse unter 694 Haushalten durchgeführt. Die Erkenntnisse aus Libyen stützen sich auf das Multi-Sector Needs Monitoring von REACH. Alle befragten Haushalte gehörten zu von Vertreibung betroffenen Bevölkerungsgruppen, darunter Menschen in Lagern und Siedlungen.
- Mehr als 90 Prozent der Familien im Südsudan, 80 Prozent im Sudan, 75 Prozent in Ägypten und 70 Prozent im Tschad reduzieren Mahlzeiten oder lassen sie ganz ausfallen. Hunger ist in der gesamten Region nahezu allgegenwärtig.
- 74 % der Haushalte im Sudan, Südsudan und Tschad verfügen über keinerlei Einkommen.
- Im Tschad haben neun von zehn von Frauen geführten Haushalten kein Einkommen.
- 65 % der Familien sind von ihren Angehörigen getrennt, 90 % haben ihr Zuhause verloren.
- Vertriebene Familien berichten von extremer Erschöpfung, Angst und tiefer Unsicherheit. Im Südsudan gaben 39 % an, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt.
- In den drei Ländern insgesamt haben nur 15 % der Familien im Sudan, 25 % im Tschad und 43 % im Südsudan das Gefühl, dass ihre Lebensbedingungen ein Leben in Würde ermöglichen.
- 18 % der Haushalte sahen sich gezwungen, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Im Tschad verdreifacht Familientrennung das Risiko von Kinderehen und führt fast zu einer Verdopplung der Kinderarbeit.
- 20 % der Frauen im Sudan, im Tschad und im Südsudan haben keinen Zugang zu einer Toilette oder Latrine – etwa dreimal so viele Frauen wie Männer.
- Nur 45 % der von Vertreibung betroffenen Kinder haben regelmäßigen Zugang zu Bildung; fast jedes fünfte Kind hat überhaupt keinen Zugang.
Trotz dessen gilt:
- Im Sudan und im Tschad teilt fast jede dritte Person, die selbst Unterstützung erhält, das Wenige, das ihr zur Verfügung steht, weiterhin mit anderen. Die gegenseitige Solidarität, die auf dem Teilen von Lebensmitteln unter Menschen beruht, die selbst hungern, bildet das unsichtbare Rückgrat dieser Hilfsmaßnahmen.
In der weiteren Region (Ägypten und Libyen):
- Obwohl Geflüchtete in Ägypten und Libyen häufiger von Beschäftigung und einem besseren Zugang zu Versorgungsleistungen berichten, arbeiten die meisten von ihnen unter prekären, informellen Bedingungen. In Ägypten besitzen neun von zehn Menschen keine Ausweisdokumente; in Libyen gehen 54 % der Kinder nicht zur Schule.
Hinweise für die Redaktionen:
- B-Roll-Material und Fotos stehen hier zur freien Verfügung.
- Den vollständigen Bericht mit den Umfrageergebnissen und Analysen finden Sie hier.
- Mehr als 9 Millionen Menschen sind innerhalb des Sudan vertrieben (Internationale Organisation für Migration, IOM).
- Bis zu 4 Millionen Menschen sind seit April 2023 in Nachbarländer geflohen (Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, UNHCR).
- 28,9 Millionen Menschen sind im Sudan von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, wobei über 755.000 Menschen unter katastrophalem Hunger leiden (Sudan Food Security Cluster und Integrated Food Security Phase Classification, IPC).
- 5,9 Millionen Menschen sollen im Rahmen des Regional Refugee Response Plan für den Sudan 2026 unterstützt werden (UNHCR).
- 1,6 Milliarden US-Dollar werden benötigt (ca. 1,37 Milliarden Euro), um den humanitären Bedarf in sieben Ländern zu decken (UNHCR).
- Geflüchtete werden in folgenden Ländern aufgenommen: Tschad, Südsudan, Ägypten, Libyen, Äthiopien, Uganda, Zentralafrikanische Republik.
- Der Südsudan beherbergt mehr als 1,3 Millionen Geflüchtete und Rückkehrende aus dem Sudan (UNHCR).
- Der Tschad beherbergt seit April 2023 mehr als 900.000 sudanesische Geflüchtete (UNHCR).
- Ägypten beherbergt 1,5 Millionen Geflüchtete aus dem Sudan (UNHCR).
- Libyen hat seit April 2023 schätzungsweise 550.000 sudanesische Geflüchtete aufgenommen (UNHCR).
- Seit Kriegsbeginn haben die EU-Länder lediglich 2.890 Personen aus dem Sudan neu angesiedelt (Eurostat).
- Die Daten zur Neuansiedlung in den USA sind nicht klar aufgeschlüsselt, doch haben die USA seit April 2023 insgesamt 1.858 sudanesische Geflüchtete aufgenommen (US Refugee Admissions Programme, USRAP).
- Kanada hat 1.360 sudanesische Geflüchtete neu angesiedelt (Immigration, Refugees and Citizenship Canada, IRCC) und Norwegen hat 570 Geflüchtete neu angesiedelt (Eurostat).
- Seit April 2023 hat NRC mehr als 5,5 Millionen von der Sudan-Krise betroffene Menschen in der gesamten Region – im Sudan, im Südsudan, im Tschad, in Ägypten (zusammen mit Partnern), in Äthiopien, in Libyen und in Uganda – mit Nahrungsmittelhilfe, sauberem Wasser, Unterkünften, Bildung, Rechtsbeistand und Schutzmaßnahmen versorgt.
Für weitere Informationen oder um ein Interview zu vereinbaren, wenden Sie sich bitte an:
- Karl Schembri, Media Adviser, NRC Norwegian Refugee Council in Nairobi, karl.schembri@nrc.no, +254 741 664562
- Zoe-Marie Lodzik, Communication Adviser, NRC Deutschland: zoemarie.lodzik@nrc-hilft.de, +49 151 578 60663
- NRC Norwegian Refugee Council weltweite Medien-Hotline: media@nrc.no, +47 905 62 329
