Liebe Leser*innen,
Als sich die Lage nach der Eskalation im Jahr 2024 zu stabilisieren begann, verspürten meine Frau und ich etwas, das wir schon lange nicht mehr gefühlt hatten: Hoffnung.
Der Libanon begann sich zu erholen. Ein neuer Präsident war gewählt worden, eine neue Regierung gebildet und zum ersten Mal seit Jahren fühlte es sich an, als könnte das Land endlich ein neues Kapitel aufschlagen. Wie viele Familien hier beschlossen wir, nach vorn zu schauen und unsere Familie zu vergrößern.
Heute ist unser Baby erst einen Monat alt. Anstatt ihn in einem friedlichen Zuhause willkommen zu heißen, müssen wir ihn nun inmitten in einer weiteren Eskalation großziehen. Mehr als um mich selbst oder meine Frau sorge ich mich um unser Baby. Seit Anfang März versuche ich, mich mit Babynahrung und Windeln einzudecken und mir zu überlegen, was er brauchen könnte, falls sich die Lage verschlimmert. Mit einem Monat trifft ihn an all dem keine Schuld, und doch wächst er bereits inmitten von Angst und Unsicherheit auf.
Im ganzen Libanon gehören die Geräusche von Bomben erneut zum Alltag. Nachts hallen die Explosionen durch ganz Beirut. Damit unser Baby schlafen kann, lassen wir weißes Rauschen neben seinem Bettchen laufen, damit ihn die Detonationen nicht aufwecken. Es ist ein seltsamer Bewältigungsmechanismus für frischgebackene Eltern: zu versuchen, den Lärm des Krieges zu übertönen.

Schlaf ist selten geworden. In vielen Nächten schrecken wir plötzlich vom Geräusch der Explosionen hoch. Wenn man sie einmal hört, kann man nicht wieder einschlafen. Ich schalte oft die Nachrichten ein und beginne zu verfolgen, was im ganzen Land passiert. Ich versuche zu verstehen, wo die Einschläge stattfinden und ob unsere Angehörigen in Sicherheit sind.
Bei uns zu Hause haben wir wieder Dinge eingeführt, von denen ich weiß, dass viele Familien im Libanon sie ebenfalls tun. Wir lassen die Fenster nachts einen Spalt breit offen. Das klingt vielleicht seltsam, aber wenn ein Einschlag in der Nähe erfolgt, verringern offene Fenster den Druck und können verhindern, dass die Scheiben zersplittern. Diese kleinen Routinen geben uns das Gefühl, der Angst nicht völlig ausgeliefert zu sein.
Neben unserer Haustür steht eine Tasche mit unseren Pässen, wichtigen Dokumenten, etwas Kleidung, Wasser und ein paar Snacks, für den Fall, dass wir plötzlich fliehen müssen.
Manchmal schreckt meine Frau mitten in der Nacht hoch, verängstigt durch eine laute Explosion. Wenn das passiert, versuche ich sie zu beruhigen, indem ich sage, es sei nur ein lautes Auto gewesen, das auf der Straße vorbeigefahren ist. Ich weiß, dass das nicht stimmt, aber manchmal beruhigt es sie genug, um wieder einzuschlafen.

Im Vergleich zu vielen anderen haben wir Glück. Unser Zuhause liegt in einem Gebiet, das nicht direkt von den landesweiten Evakuierungsbefehlen betroffen ist. Hunderte von Dörfern im Süden des Libanons hingegen wurden zur Evakuierung aufgefordert. Die gesamten südlichen Vororte von Beirut sind bedroht. Auch Gebiete im Norden der Beeka-Ebene sind betroffen.
Etwa 65 meiner Kolleg*innen wurden gezwungen ihr Zuhause zu verlassen. Ich bin mit ganzem Herzen bei ihnen, weil ich weiß, wie schwer die Situation ist. Heute sind sie betroffen, morgen könnten wir es sein.
Und trotz allem kommen wir jeden Morgen zur Arbeit.
Wenn wir durch die Türen unseres Büros oder eines Verteilzentrums gehen, versuchen wir, unsere Angst hinter uns zu lassen. Wir konzentrieren uns auf die Menschen, die uns am dringendsten brauchen: Familien, die in Schulen schlafen, die zu Notunterkünften umfunktioniert wurden; Menschen, die versuchen, mit Angst und Unsicherheit umzugehen; und ältere Menschen, die erneut vertrieben wurden.
Doch die Wahrheit ist, dass auch wir innerlich kämpfen und dieselbe Angst und Unsicherheit in uns tragen wie die Familien, denen wir helfen wollen.
Wir führen ein Doppelleben.
Die seelischen Narben dieser Eskalation sind tief. Schon das Geräusch einer laut zuschlagenden Tür oder eines vorbeifahrenden Lastwagens auf der Straße kann die Menschen zusammenzucken lassen.
Der Libanon durchlebt seit Jahren Krisen, die sich gegenseitig verstärken: wirtschaftlicher Zusammenbruch, politische Instabilität und immer wiederkehrende Gewaltausbrüche. Nun sind Hunderttausende Familien erneut zur Flucht gezwungen, viele mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib tragen. Sie brauchen jetzt dringend Unterstützung, um ihre Grundbedürfnisse zu decken und zu überleben.
Bei NRC setzen wir alles daran, auf diese Notlage zu reagieren. Unsere Teams verteilen lebensnotwendige Dinge wie Matratzen, Decken und Hygienesets und stehen Familien zur Seite, die fast alles verloren haben.
Doch die Zahl der Menschen, die Unterstützung benötigen ist enorm und nimmt kontinuierlich zu.
Die humanitäre Hilfe im Libanon braucht jetzt dringend finanzielle Unterstützung. Jeder Beitrag hilft Familien, wieder ein Gefühl von Sicherheit und Würde aufzubauen.
Denn hinter jeder Zahl steht eine Familie wie meine, die versucht, ihre Kinder zu schützen, an der Hoffnung festzuhalten und einen weiteren Tag zu überleben.
Vielen Dank, dass Sie an der Seite der Menschen im Libanon stehen.
Herzliche Grüße,
Ahmad Badr
