Mindestens 816.000 Menschen, 14 Prozent der libanesischen Bevölkerung, sind laut offiziellen Angaben zufolge inzwischen vertrieben worden. Die Zahlen werden voraussichtlich weiter steigen, da Israel wiederholt Evakuierungswarnungen ausspricht und weitere Dörfer und Städte im gesamten Libanon bombardiert.
„Das Ausmaß der Zerstörung und Vertreibung nimmt mit jeder Stunde zu“, sagt Maureen Philippon, NRC-Länderdirektorin im Libanon. „Diese wahllosen Bombardierungen müssen umgehend aufhören. In den von mir besuchten Sammelunterkünften sehe ich Familien mit ihren Kindern, die erneut traumatisiert wurden. Die Menschen durchleben denselben Kreislauf aus Luftangriffen, Verlusten und Vertreibungen, den sie vor fast zwei Jahren erlebt haben, nur mit größerer Intensität und Geschwindigkeit.“
Israels Evakuierungsanordnungen betreffen inzwischen eine Fläche von 1.470 Quadratkilometern oder 14 Prozent des Libanon, darunter den Südlibanon, die südlichen Vororte von Beirut und Teile der Bekaa-Ebene. Ende der vergangenen Woche erließ Israel weitere Evakuierungsbefehle, wodurch sich die Zahl der unmittelbar bedrohten libanesischen Dörfer weiter erhöht hat.
In Tyr im Südlibanon wurde das Büro von NRC bei einem israelischen Angriff schwer beschädigt. Glücklicherweise befand sich zu dem Zeitpunkt niemand im Büro, denn angesichts des Ausmaßes der Schäden wären Kolleg*innen mit Sicherheit verletzt worden. NRC hat Israel über die UNO den Standort ihres Büros mitgeteilt, erhielt jedoch vor dem Angriff keine Warnung vom Militär.
„Israels Anordnungen zur Massenevakuierung haben sich weitreichenden geografisch ausgeweitet. Sie bedingen oft die sofortige Flucht und lösen in den Gemeinden Panik und Angst vor unmittelbar bevorstehenden Angriffen aus – selbst, wenn diese ausbleiben. Die Evakuierungsbefehle werden aller Wahrscheinlichkeit nach zu langfristigen Vertreibungen mit geringen Aussichten auf Rückkehr führen. Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um die Anwendung solcher Anordnungen zu beenden und sicherzustellen, dass Zivilist*innen – unabhängig davon, ob sie sich entscheiden, ein Gebiet zu verlassen oder zu bleiben – jederzeit von allen Konfliktparteien im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht geschützt werden“, fügte Philippon hinzu.
In den Sammelunterkünften, in denen über 122.000 Menschen Zuflucht gesucht haben, sind die Bedingungen äußerst schwierig. In einer Schule, in der 1.200 Menschen Zuflucht gesucht haben, halten sich durchschnittlich 15 Personen in jedem Klassenzimmer auf und 23 Personen müssen sich eine einzige Toilette teilen. Es gibt keine Duschmöglichkeiten oder Gas zum Kochen und nur eine eingeschränkte Wasserversorgung.
NRC unterstützt die Sammelunterkünfte mit Kissen, Decken, Matratzen, Reinigungsmitteln und anderen Grundbedarfsgütern. Es werden zudem zusätzliche Hilfsmaßnahmen zur Verbesserung der Bedingungen in den Unterkünften geprüft, darunter die Installation von Duschen, die Einrichtung von Latrinen, die Bereitstellung von Wasser und das Aufstellen von Trennwänden, um den Familien mehr Privatsphäre zu bieten. Der Bedarf übersteigt allerdings bereits jetzt die von der Regierung und den Hilfsorganisationen bereitgestellten Mittel.
NRC fordert Geberländer und Spender*innen daher dringend auf, flexible Finanzmittel bereitzustellen, damit humanitäre Akteur*innen auf die rasch wachsenden Bedürfnisse reagieren können. Dies muss geschehen, während diplomatische Bemühungen alle Möglichkeitenausschöpfen, um die Angriffe auf Zivilist*innen und deren Infrastruktur zu beenden.
Hinweise für Redakteur*innen:
- Seit dem 2. März wurden laut offiziellen Angaben (libanesische Katastrophenschutzstelle) bei israelischen Angriffen im Libanon 634 Menschen getötet und 1.586 verletzt. In Israel wurden laut Reuters keine Todesopfer infolge der Angriffe der Hisbollah gemeldet, doch laut Medienberichten (The Jerusalem Post, The Times of Israel) wurden mehrere Menschen verletzt.
- Bis zum 12. März wurden im Libanon 816.700 Vertriebene registriert. Darunter befinden sich 125.800 Personen, die in Sammelunterkünften untergebracht sind (libanesische Katastrophenschutzbehörde).
- Der Libanon hat rund 5,8 Millionen Einwohner*innen (Weltbank). 816.000 Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, entsprechen 14 Prozent der Gesamtbevölkerung.
- Israel hat für 1.470 Quadratkilometer libanesisches Gebiet Evakuierungsbefehle erlassen, was etwa 14 Prozent der gesamten Landfläche des Libanon entspricht.
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