Was ist eine vernachlässigte Vertreibungskrise?

Im Sudan sind 29 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen. Diese Landwirt*innen setzen die Schulungen und finanziellen Zuschüsse von NRC um, um ihre Gemeinschaft mit Lebensmitteln zu versorgen. Foto: NT/NRC
Am 4. Juni 2026 veröffentlicht das Norwegian Refugee Council (NRC) seine jährliche Liste der vernachlässigten Vertreibungskrisen. Es handelt sich um Krisen von enormem Ausmaß, die dennoch nur wenig mediale Aufmerksamkeit erhalten. Politische Entscheidungsträger*innen räumen der Suche nach Lösungen keine Priorität ein und Geberländer stellen nicht ausreichend Mittel bereit. Wie kann das sein?
Veröffentlicht 03. Juni 2026
Global

Mangelnder politischer Wille  

Häufig sind die Länder, die ganz oben auf der Liste stehen, für die Weltmächte von geringem geopolitischem Interesse. Politische Ressourcen wie Zeit und Mittel in die Bewältigung dieser Notlagen zu investieren, bringt reichen Nationen keinen wirtschaftlichen Nutzen, weshalb sie ihre Ressourcen anderweitig einsetzen. 

„Bei einigen Krisen erleben wir wirksames und schnelles politisches Handeln, offene Grenzen, umfangreiche Finanzierung und breite Medienberichterstattung“, sagt Jan Egeland, Generalsekretär des NRC. „Die politisch Verantwortlichen müssen den von Krisen betroffenen Menschen in Ländern wie Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo dieselbe Menschlichkeit entgegenbringen.“ 

In anderen Konflikten ist das Gegenteil der Fall: Es gibt viele Akteure mit gegensätzlichen politischen Interessen, und niemand ist bereit, Kompromisse einzugehen. In solchen Krisen tritt das Wohl der Zivilbevölkerung hinter politischen Interessen zurück. 

Der fehlende politische Wille, Lösungen für eine Krise zu finden, ist eines von drei Kriterien, die NRC der jährlichen Liste der weltweit am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen zugrunde legt. Die beiden weiteren Kriterien sind geringe mediale Aufmerksamkeit und unzureichende Finanzierung humanitärer Hilfe. 

Fehlende Medienaufmerksamkeit 

Warum berichten Medien über manche Krisen ausführlich und vernachlässigen andere? 

Dies hängt oft davon ab, wie viel politische Aufmerksamkeit eine Krise erhält – fehlt diese, ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die Medien umfassend darüber berichten. 

Auch die räumliche Nähe spielt eine Rolle. Medien berichten vermehrt über Krisen, die geografisch näher liegen, als über solche an weiter entfernten Orten. Letztere sind für Redaktionen oft schwerer zugänglich und erfordern mehr Kontext, gerade weil sie in der Berichterstattung lange kaum Aufmerksamkeit bekamen. So setzt sich gegenüber diesen vernachlässigten Krisen leider weiterhin die „Aus den Augen, aus dem Sinn“-Logik fort. 

Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Migrationskrise von 2015, als eine große Zahl von Geflüchteten nach Europa kam. In der Folge interessierten sich die europäischen Medien deutlich stärker für die Länder, aus denen Menschen geflohen waren, wie etwa Syrien. Wenn wir jemanden kennen, der vor einer Krise geflohen ist, setzen wir uns eher mit dieser auseinander. 

Unzureichende Finanzierung internationaler Hilfe 

Jedes Jahr veröffentlichen die Vereinten Nationen und ihre humanitären Partner Finanzierungsaufrufe, um die Grundversorgung der Menschen in Ländern zu sichern, die von schweren Krisen betroffen sind. Doch der Umfang, in dem diese Aufrufe finanziert werden, unterscheidet sich stark. 

Krisen, die international wenig Beachtung finden und in den Medien kaum thematisiert werden, erhalten in der Regel nicht die finanzielle Unterstützung, die zur Deckung des akuten humanitären Hilfsbedarfs erforderlich ist. 

Im Jahr 2025 belief sich die Finanzierungslücke zwischen den humanitären Aufrufen und den tatsächlich eingegangenen Mitteln auf 29,5 Milliarden US-Dollar (ca. 25,3 Milliarden Euro). Das entspricht in etwa dem Betrag, der weltweit innerhalb von vier Tagen für Verteidigung ausgegeben wird. 

„Wir brauchen dringend Investitionen für die am meisten vernachlässigten Krisen der Welt. Diese Investitionen müssen sowohl in Form diplomatischer Initiativen erfolgen, um die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen, als auch in Form von bedarfsgerechter Finanzierung durch die Geberländer“, so Egeland. 

Das Ausmaß der Medienberichterstattung über eine Krise ist oft ein schlechter Indikator dafür, wo der Bedarf am größten ist. Humanitäre Hilfe sollte sich am tatsächlichen Bedarf orientieren. In der Praxis ist es jedoch häufig leichter, Mittel für Krisen zu erhalten, die große Aufmerksamkeit von Politik und Medien erhalten. 

Die Welt schaut zu 

Am 4. Juni veröffentlichen wir die zehnte Liste der weltweit am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen. In einem Jahrzehnt technologischen Fortschritts und globaler Vernetzung haben wir immer wieder über die weltweit am stärksten vernachlässigten Krisen berichtet. Die Liste erreicht Millionen Menschen. Informationen werden geteilt, die Krisen liegen offen zutage. Und doch ändert sich Jahr für Jahr kaum etwas. 

Politische Entscheidungsträger*innen weltweit hatten die Möglichkeit, zugunsten der Menschen zu handeln, die aus ihrem Zuhause vertrieben wurden. Sie haben sich dagegen entschieden. 

„Vernachlässigung ist eine Entscheidung. Dass Millionen vertriebene Menschen Jahr für Jahr ohne die Unterstützung und Ressourcen bleiben, die sie so dringend benötigen, ist nicht unvermeidlich“, sagt Egeland. 

Was kann getan werden? 

Für diese Länder ist es jetzt am wichtigsten, politische Lösungen auf den Weg zu bringen. Nur so lässt sich das Leid beenden. 

Gleichzeitig besteht ein dringender Bedarf an humanitärer Hilfe. Damit politische Lösungen überhaupt Aussicht auf Erfolg haben, müssen zunächst die dringendsten humanitären Bedarfe gedeckt werden. Hunger, fehlende Arbeit und mangelnde Möglichkeiten, die eigene Familie zu ernähren, sind keine Grundlage für Stabilität. 

Die diesjährige Liste der vernachlässigten Vertreibungskrisen enthält eine Reihe von Empfehlungen. Dabei handelt es sich um praktische Maßnahmen, die verschiedene Akteure ergreifen können, um die Aufmerksamkeit für vernachlässigte Krisen zu erhöhen. Politiker*innen, Geber, Journalist*innen, humanitäre Organisationen und die Öffentlichkeit – wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen, dass die Menschen im Zentrum dieser Krisen die Hilfe erhalten, die sie so dringend benötigen und die ihnen zusteht. 

Wenn wir uns entscheiden zu handeln, zu investieren und solidarisch an der Seite der Betroffenen zu stehen, können wir eine Zukunft schaffen, in der niemand zurückgelassen wird. Was wir in diesem Jahr bewegen, wird in Erinnerung bleiben.

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